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Wilhelm Hauff
Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so haeufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch diesen Wald. Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine erste Reise in die Welt. Der Abend war schon heraufgekommen, und die Schatten der riesengrossen Fichten und Buchen verfinsterten den schmalen Weg, auf dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied schritt wacker vorwaerts und pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen mit Munter, seinem Hund, und schien sich nicht viel darum zu kuemmern, dass die Nacht nicht mehr fern, desto ferner aber die naechste Herberge sei; aber Felix, der Goldarbeiter, sah sich oft aengstlich um. Wenn der Wind durch die Baeume rauschte, so war es ihm, als hoere er Tritte hinter sich; wenn das Gestraeuch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er Gesichter hinter den Bueschen lauern zu sehen.
Der junge Goldschmied war sonst nicht aberglaeubisch oder mutlos. In Wuerzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden fuer einen unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze; aber heute war ihm doch sonderbar zumute. Man hatte ihm vom Spessart so mancherlei erzaehlt; eine grosse Raeuberbande sollte dort ihr Wesen treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen gepluendert worden, ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas bange fuer sein Leben, denn sie waren ja nur zu zweit und konnten gegen bewaffnete Raeuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, dass er dem Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, statt am Eingang des Waldes ueber Nacht zu bleiben.
“Und wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles komme, was ich bei mir habe, so ist's nur deine Schuld, Zirkelschmied; denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschwaetzt.”
“Sei kein Hasenfuss", erwiderte der andere, “ein rechter Handwerksbursche soll sich eigentlich gar nicht fuerchten. Und was meinst du denn? Meinst du, die Herren Raeuber im Spessart werden uns die Ehre antun, uns zu ueberfallen und totzuschlagen? Warum sollten sie sich diese Muehe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler? Da muss man schon mit Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn sie es der Muehe wert finden, einen totzuschlagen.”
“Halt! Hoerst du nicht etwas pfeifen im Wald?” rief Felix aengstlich.
“Das war der Wind, der um die Baeume pfeift, geh nur rasch vorwaerts, lange kann es nicht mehr dauern.”
“Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens", fuhr der Goldarbeiter fort. “Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreissig Kreuzer; aber mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und Geschmeide mit mir fuehre. “
“Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen? Kaemen jetzt vier oder fuenf dort aus dem Busch mit geladenen Buechsen, die sie auf uns anlegten, und fragten ganz hoeflich: “Ihr Herren, was habt ihr bei euch?” und “Machet es euch bequem, wir wollen's euch tragen helfen", und was dergleichen anmutige Redensarten sind; da waerest du wohl kein Tor, machtest dein Raenzchen auf und legtest die gelbe Weste, den blauen Rock, zwei Hemden und alle Halsbaender und Armbaender und Kaemme, und was du sonst noch hast, hoeflich auf die Erde und bedanktest dich fuers Leben, das sie dir schenkten.”
“So, meinst du", entgegnete Felix sehr eifrig, “den Schmuck fuer meine Frau Pate, die vornehme Graefin, soll ich hergeben? Eher mein Leben; eher lass ich mich in kleine Stuecke zerschneiden. Hat sie nicht Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahr mich aufziehen lassen? Hat sie nicht die Lehre fuer mich bezahlt und Kleider und alles? Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas mitbringe von meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt hat, jetzt, da ich ihr an dem schoenen Geschmeide zeigen koennte, was ich gelernt habe, jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe Weste dazu, die ich auch von ihr habe? Nein, lieber sterben, als dass ich den schlechten Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe!”
“Sei kein Narr!” rief der Zirkelschmied. “Wenn sie dich totschlagen, bekommt die Frau Graefin den Schmuck dennoch nicht. Drum ist es besser, du gibst ihn her und erhaeltst dein Leben.”
Felix antwortete nicht; die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen, und bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fuenf Schritte vor sich sehen; er wurde immer aengstlicher, hielt sich naeher an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und Beweise billigen sollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren sie fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht. Der junge Goldschmied meinte aber, man duerfe nicht trauen, vielleicht koennte es ein Raeuberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn, dass die Raeuber ihre Haeuser oder Hoehlen unter der Erde haben, und dies muesse das Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes beschrieben.
Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und nebenan im Stalle hoerte man Pferde wiehern. Der Zirkelschmied winkte seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden geoeffnet waren. Sie konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube uebersehen. Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Tuere sein konnte. An der andern Seite des Ofens sassen ein Weib und ein Maedchen und spannen; hinter dem Tisch an der Wand sass ein Mensch, der ein Glas Wein vor sich, den Kopf in die Haende gestuetzt hatte, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnten. Der Zirkelschmied aber wollte aus seiner Kleidung bemerken, dass es ein vornehmer Herr sein muesse.
Als sie so noch auf der Lauer standen, schlug ein Hund im Hause an. Munter, des Zirkelschmieds Hund, antwortete, und eine Magd erschien in der Tuere und schaute nach den Fremden heraus.
Man versprach, ihnen Nachtessen und Betten geben zu koennen; sie traten ein und legten die schweren Buendel, Stock und Hut in die Ecke und setzten sich zu dem Herrn am Tische. Dieser richtete sich bei ihrem Grusse auf, und sie erblickten einen feinen jungen Mann, der ihnen freundlich fuer ihren Gruss dankte.
“Ihr seid spaet auf der Bahn", sagte er, “habt Ihr Euch nicht gefuerchtet, in so dunkler Nacht durch den Spessart zu reisen? Ich fuer meinen Teil habe lieber mein Pferd in dieser Schenke eingestellt, als dass ich nur noch eine Stunde geritten waere.”
“Da habt Ihr allerdings recht gehabt, Herr!” erwiderte der Zirkelschmied. “Der Hufschlag eines schoenen Pferdes ist Musik in den Ohren dieses Gesindels und lockt sie auf eine Stunde weit; aber wenn ein paar arme Burschen wie wir durch den Wald schleichen, Leute, welchen die Raeuber eher selbst etwas schenken koennten, da heben sie keinen Fuss auf!”
“Das ist wohl wahr", entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft der Fremden erweckt, auch an den Tisch getreten war, “einem armen Mann koennen sie nicht viel anhaben seines Geldes willen; aber man hat Beispiele, dass sie arme Leute nur aus Mordlust niederstiessen oder sie zwangen, unter die Bande zu treten und als Raeuber zu dienen.”
“Nun, wenn es so aussieht mit diesen Leuten im Wald", bemerkte der junge Goldschmied, “so wird uns wahrhaftig auch dieses Haus wenig Schutz gewaehren. Wir sind nur zu viert und mit dem Hausknecht fuenf; wenn es ihnen einfaellt, zu zehnt uns zu ueberfallen, was koennen wir gegen sie? Und ueberdies", setzte er leise und fluesternd hinzu, “wer steht uns dafuer, dass diese Wirtsleute ehrlich sind?”
“Da hat es gute Wege", erwiderte der Fuhrmann. “Ich kenne diese Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes darin verspuert. Der Mann ist selten zu Hause, man sagt, er treibe Weinhandel; die Frau aber ist eine stille Frau, die niemand Boeses will; nein, dieser tut Ihr unrecht, Herr!”
“Und doch", nahm der junge vornehme Herr das Wort, “doch moechte ich nicht so ganz verwerfen, was er gesagt. Erinnert Euch an die Geruechte von jenen Leuten, die in diesem Wald auf einmal spurlos verschwunden sind. Mehrere davon hatten vorher gesagt, sie wuerden in diesem Wirtshaus uebernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen nichts von ihnen vernahm, ihrem Weg nachforschte und auch hier im Wirtshaus nachfragte, da soll nun keiner gesehen worden sein; verdaechtig ist es doch.”
“Weiss Gott", rief der Zirkelschmied, “da handelten wir ja vernuenftiger, wenn wir unter dem naechsten Baum unser Nachtlager naehmen als hier in diesen vier Waenden, wo an kein Entspringen zu denken ist, wenn sie einmal die Tuere besetzt haben; denn die Fenster sind vergittert.”
Sie waren alle durch diese Reden nachdenklich geworden. Es schien gar nicht unwahrscheinlich, dass die Schenke im Wald, sei es gezwungen oder freiwillig, im Einverstaendnis mit den Raeubern war. Die Nacht schien ihnen daher gefaehrlich; denn wie manche Sage hatten sie gehoert von Wanderern, die man im Schlaf ueberfallen und gemordet hatte; und sollte es auch nicht an ihr Leben gehen, so war doch ein Teil der Gaeste in der Waldschenke von so beschraenkten Mitteln, dass ihnen ein Raub an einem Teil ihrer Habe sehr empfindlich gewesen waere. Sie schauten verdriesslich und duester in ihre Glaeser. Der junge Herr wuenschte, auf seinem Ross durch ein sicheres, offenes Tal zu traben, der Zirkelschmied wuenschte sich zwoelf seiner handfesten Kameraden, mit Knuetteln bewaffnet, als Leibgarde, Felix, der Goldarbeiter, trug bange mehr um den Schmuck seiner Wohltaeterin als um sein Leben; der Fuhrmann aber, der einigemal den Rauch seiner Pfeife nachdenklich vor sich hingeblasen, sprach leise: “Ihr Herren, im Schlaf wenigstens sollen sie uns nicht ueberfallen. Ich fuer meinen Teil will, wenn nur noch einer mit mir haelt, die ganze Nacht wach bleiben.”
“Das will ich auch”—“ich auch", riefen die drei uebrigen; “schlafen koennte ich doch nicht", setzte der junge Herr hinzu. “Nun, so wollen wir etwas treiben, dass wir wach bleiben", sagte der Fuhrmann, “ich denke, weil wir doch gerade zu viert sind, koennten wir Karten spielen, das haelt wach und vertreibt die Zeit.”
“Ich spiele niemals Karten", erwiderte der junge Herr, “darum kann ich wenigstens nicht mithalten.”
“Und ich kenne die Karten gar nicht", setzte Felix hinzu.
“Was koennen wir denn aber anfangen, wenn wir nicht spielen", sprach der Zirkelschmied, “singen? Das geht nicht und wuerde nur das Gesindel herbeilocken; einander Raetsel und Sprueche aufgeben zum Erraten? Das dauert auch nicht lange. Wisst ihr was? Wie waere es, wenn wir uns etwas erzaehlten? Lustig oder ernsthaft, wahr oder erdacht, es haelt doch wach und vertreibt die Zeit so gut wie Kartenspiel.”
“Ich bin's zufrieden, wenn Ihr anfangen wolltet", sagte der junge Herr laechelnd. “Ihr Herren vom Handwerk kommt in allen Laendern herum und koennet schon etwas erzaehlen; hat doch jede Stadt ihre eigenen Sagen und Geschichten.”
“Ja, ja, man hoert manches", erwiderte der Zirkelschmied, “dafuer studieren Herren wie Ihr fleissig in den Buechern, wo gar wundervolle Sachen geschrieben stehen; da wuesstet Ihr noch Kluegeres und Schoeneres zu erzaehlen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner. Mich muesste alles truegen, oder Ihr seid ein Student, ein Gelehrter.”
“Ein Gelehrter nicht", laechelte der junge Herr, “wohl aber ein Student und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in unsern Buechern steht, eignet sich weniger zum Erzaehlen, als was Ihr hier und dort gehoeret. Darum hebet immer an, wenn anders diese da gerne zuhoeren!”
“Noch hoeher als Kartenspiel", erwiderte der Fuhrmann, “gilt bei mir, wenn einer eine schoene Geschichte erzaehlt. Oft fahre ich auf der Landstrasse lieber im elendesten Schritt und hoere einem zu, der nebenhergeht und etwas Schoenes erzaehlt; manchen habe ich schon im schlechten Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, dass er etwas erzaehle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich, nur deswegen so lieb, weil er Geschichten weiss, die sieben Stunden lang und laenger dauern.”
“So geht es auch mir", setzte der junge Goldarbeiter hinzu, “erzaehlen hoere ich fuer mein Leben gerne, und mein Meister in Wuerzburg musste mir die Buecher ordentlich verbieten, dass ich nicht zuviel Geschichten las und die Arbeit darueber vernachlaessigte. Darum gib nur etwas Schoenes preis, Zirkelschmied, ich weiss, du koenntest erzaehlen von jetzt an, bis es Tag wird, ehe dein Vorrat ausginge.”
Der Zirkelschmied trank, um sich zu seinem Vortrag zu staerken, und hub alsdann also an:
Wilhelm Hauff
“Das ist die Sage von dem Hirschgulden", endete der Zirkelschmied, “und wahr soll sie sein. Der Wirt in Duerrwangen, das nicht weit von den drei Schloessern liegt, hat sie meinem guten Freund erzaehlt, der oft als Wegweiser ueber die schwaebische Alb ging und immer in Duerrwangen einkehrte.”
Die Gaeste gaben dem Zirkelschmied Beifall. “Was man doch nicht alles hoert in der Welt", rief der Fuhrmann. “Wahrhaftig, jetzt erst freut es mich, dass wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist es wahrlich besser; und gemerkt habe ich mir die Geschichte, dass ich sie morgen meinen Kameraden erzaehlen kann, ohne ein Wort zu fehlen.”
“Mir fiel da, waehrend Ihr so erzaehltet, etwas ein", sagte der Student.
“O erzaehlet, erzaehlet!” baten der Zirkelschmied und Felix.
“Gut", antwortete jener, “ob die Reihe jetzt an mich kommt oder spaeter, ist gleichviel; ich muss ja doch heimgehen, was ich gehoert. Das, was ich erzaehlen will, soll sich wirklich einmal begeben haben.”
Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erzaehlen, als die Wirtin den Spinnrocken beiseitesetzte und zu den Gaesten an den Tisch trat. “Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen", sagte sie, “es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag.”
“Ei, so gehe zu Bette!” rief der Student, “setze noch eine Flasche Wein fuer uns hierher, und dann wollen wir dich nicht laenger abhalten.”
“Mitnichten", entgegnete sie graemlich, “solange noch Gaeste in der Wirtsstube sitzen, koennen Wirtin und Dienstboten nicht weggehen. Und kurz und gut, ihr Herren, machet, dass ihr auf eure Kammern kommet; mir wird die Zeit lange, und laenger als neun Uhr darf in meinem Hause nicht gezecht werden.”
“Was faellt Euch ein, Frau Wirtin?” sprach der Zirkelschmied staunend, “was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch schon laengst schlafet; wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber so lasse ich mir in keinem Wirtshaus ausbieten.”
Die Frau rollte zornig die Augen: “Meint ihr, ich werde wegen jedem Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Strassenlaeufer, der mir zwoelf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung aendern? Ich sag' euch jetzt zum letztenmal, dass ich den Unfug nicht leide!”
Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen; aber der Student sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den uebrigen. “Gut", sprach er, “wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so lasst uns auf unsere Kammern gehen. Aber Lichter moechten wir gerne haben, um den Weg zu finden.”
“Damit kann ich nicht dienen", entgegnete sie finster, “die andern werden schon den Weg im Dunkeln finden, und fuer Euch ist dies Stuempfchen hier hinlaenglich; mehr habe ich nicht im Hause.”
Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf. Die andern folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Buendel, um sie in der Kammer bei sich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der ihnen die Treppe hinanleuchtete.
Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten, schloss sein Zimmer auf und winke ihnen herein. “Jetzt ist kein Zweifel mehr", sagte er, “sie will uns verraten; habt ihr nicht bemerkt, wie aengstlich sie uns zu Bett zu bringen suchte, wie sie uns alle Mittel abschnitt, wach und beisammen zu bleiben? Sie meint wahrscheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen und dann werde sie um so leichteres Spiel haben.”
“Aber meint Ihr nicht, wir koennten noch entkommen?” fragte Felix. “Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer.”
“Die Fenster sind auch hier vergittert", rief der Student, indem er vergebens versuchte, einen der Eisenstaebe des Gitters loszumachen. “Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die Haustuere; aber ich glaube nicht, dass sie uns fortlassen werden.”
“Es kaeme auf den Versuch an", sprach der Fuhrmann, “ich will einmal probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann. Ist dies moeglich, so kehre ich zurueck und hole euch nach.” Die uebrigen billigten diesen Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den Zehen nach der Treppe; aengstlich lauschten seine Genossen oben im Zimmer; schon war er die eine Haelfte der Treppe gluecklich und unbemerkt hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler wandte, richtete sich ploetzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die Hoehe, legte ihre Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade seinem Gesicht gegenueber, zwei Reihen langer, scharfer Zaehne. Er wagte weder vor-noch rueckwaerts auszuweichen; denn bei der geringsten Bewegung schnappte der entsetzliche Hund nach seiner Kehle. Zugleich fing er an zu heulen und zu bellen, und alsobald erschienen der Hausknecht und die Frau mit Lichtern.
“Wohin, was wollt Ihr?” rief die Frau.
“Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen", antwortete der Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Tuere aufgegangen war, hatte er mehrere braune, verdaechtige Gesichter, Maenner mit Buechsen in der Hand, im Zimmer bemerkt.
“Das haettet Ihr alles auch vorher abmachen koennen", sagte die Wirtin muerrisch. “Fassan, daher! Schliess die Hoftuere zu, Jakob, und leuchte dem Mann an seinen Karren!” Der Hund zog seine greuliche Schnauze und seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurueck und lagerte sich wieder quer ueber die Treppe; der Hausknecht aber hatte das Hoftor zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Entkommen war nicht zu denken. Aber als er nachsann, was er denn eigentlich aus dem Karren holen sollte, fiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die naechste Stadt ueberbringen sollte. “Das Stuempfchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelstunde dauern", sagte er zu sich, “und Licht muessen wir dennoch haben!” Er nahm also zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg sie in dem Aermel und holte dann zum Schein seinen Mantel aus dem Karren, womit er sich, wie er dem Hausknecht sagte, heute nacht bedecken wolle.
Gluecklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erzaehlte von dem grossen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Maennern, die er fluechtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich ihrer zu versichern, und schloss damit, dass er seufzend sagte: “Wir werden diese Nacht nicht ueberleben.”
“Das glaube ich nicht", erwiderte der Student, “fuer so toericht kann ich diese Leute nicht halten, dass sie wegen des geringen Vorteils, den sie von uns haetten, vier Menschen ans Leben gehen sollten. Aber verteidigen duerfen wir uns nicht. Ich fuer meinen Teil werde wohl am meisten verlieren; mein Pferd ist schon in ihren Haenden, es kostete mich fuenfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine Boerse, meine Kleider gebe ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als alles dies.”
“Ihr habt gut reden", erwiderte der Fuhrmann, “solche Sachen, wie Ihr sie verlieren koennt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Gueter auf meinem Karren, und im Stall zwei schoene Rosse, meinen einzigen Reichtum.”
“Ich kann unmoeglich glauben, dass sie Euch ein Leides tun werden", bemerkte der Goldschmied, “einen Boten zu berauben, wuerde schon viel Geschrei und Laermen im Land machen. Aber dafuer bin ich auch, was der Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe, und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu klagen, als mich gegen Leute, die Buechsen und Pistolen haben, um meine geringe Habe wehren.”
Der Fuhrmann hatte waehrend dieser Reden seine Wachskerzen hervorgezogen. Er klebte sie auf den Tisch und zuendete sie an. “So lasst uns in Gottes Namen erwarten, was ueber uns kommen wird", sprach er, “wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen den Schlaf abhalten.” “Das wollen wir", antwortete der Student, “und weil vorhin die Reihe an mir stehengeblieben war, will ich euch etwas erzaehlen.”
Bei diesen Worten wurde der Erzaehler durch ein Geraeusch vor der Schenke unterbrochen. Man hoerte einen Wagen anfahren, mehrere Stimmen riefen nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und dazwischen heulten mehrere Hunde. Die Kammer, die man dem Fuhrmann und den Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Strasse hinaus; die vier Gaeste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen, was vorgefallen sei. Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen konnten, stand ein grosser Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein grosser Mann beschaeftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu heben, und einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein Bediensteter aber schnallte den Koffer los. “Diesen sei Gott gnaedig", seufzte der Fuhrmann. “Wenn diese mit heiler Haut aus der Schenke kommen, so ist mir fuer meinen Karren auch nicht mehr bange.”
“Stille!” fluesterte der Student. “Mir ahnet, dass man eigentlich nicht uns, sondern dieser Dame auflauert; wahrscheinlich waren sie unten schon von ihrer Reise unterrichtet. Wenn man sie nur warnen koennte! Doch halt! Es ist im ganzen Wirtshaus kein anstaendiges Zimmer fuer die Damen als das neben dem meinigen. Dorthin wird man sie fuehren. Bleibet ihr ruhig in dieser Kammer; ich will die Bediensteten zu unterrichten suchen.”
Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, loeschte die Kerzen aus und liess nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben. Dann lauschte er an der Tuere.
Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und fuehrte sie mit freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan. Sie redete ihren Gaesten zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise erschoepft sein wuerden; dann ging sie wieder hinab. Bald darauf hoerte der Student schwere maennliche Tritte die Treppe heraufkommen. Er oeffnete behutsam die Tuere und erblickte durch eine kleine Spalte den grossen Mann, welcher die Damen aus dem Wagen gehoben. Er trug ein Jagdkleid und hatte einen Hirschfaenger an der Seite und war wohl der Reisestallmeister oder Begleiter der fremden Damen. Als der Student merkte, dass dieser allein heraufgekommen war, oeffnete er schnell die Tuer und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten. Verwundert trat dieser naeher, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle, fluesterte ihm jener zu: “Mein Herr! Sie sind heute nacht in eine Raeuberschenke geraten.”
Der Mann erschrak; der Student zog ihn aber vollends in seine Tuere und erzaehlte ihm, wie verdaechtig es in diesem Hause aussehe.
Der Jaeger wurde sehr besorgt, als er dies hoerte; er belehrte den jungen Mann, dass die Damen, eine Graefin und ihre Kammerfrau, anfaenglich die ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine halbe Stunde von dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der sie angerufen und gefragt habe, wohin sie reisen wollten. Als er vernommen, dass sie gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart zu reisen, habe er ihnen abgeraten, indem es gegenwaertig sehr unsicher sei. “Wenn Ihnen am Rat eines redlichen Mannes etwas liegt", habe er hinzugesetzt, “so stehen Sie ab von diesem Gedanken; es liegt nicht weit von hier eine Schenke; so schlecht und unbequem sie sein mag, so uebernachten Sie lieber daselbst, als dass Sie sich in dieser dunklen Nacht unnoetig der Gefahr preisgeben.” Der Mann, der ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich und rechtlich ausgesehen, und die Graefin habe in der Angst vor einem Raeuberanfall befohlen, an dieser Schenke stille zu halten.
Der Jaeger hielt es fuer seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin sie schwebten, zu unterrichten. Er ging in das andere Zimmer, und bald darauf oeffnete er die Tuere, welche von dem Zimmer der Graefin in das des Studenten fuehrte. Die Graefin, eine Dame von etwa vierzig Jahren, trat, vor Schrecken bleich, zu dem Studenten heraus und liess sich alles noch einmal von ihm wiederholen. Dann beriet man sich, was in dieser misslichen Lage zu tun sei, und beschloss, so behutsam als moeglich die zwei Bediensteten, den Fuhrmann und die Handwerksburschen herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigstens gemeinsame Sache machen zu koennen.
Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Graefin gegen den Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und Stuehlen verrammelt. Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die zwei Bediensteten hielten bei ihr Wache. Die frueheren Gaeste aber und der Jaeger setzten sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und beschlossen, die Gefahr zu erwarten. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr sein, im Hause war alles ruhig und still, und noch machte man keine Miene, die Gaeste zu stoeren. Da sprach der Zirkelschmied: “Um wach zu bleiben, waere es wohl das beste, wir machten es wieder wie zuvor; wir erzaehlten naemlich, was wir von allerlei Geschichten wissen, und wenn der Herr Jaeger nichts dagegen hat, so koennten wir weiter fortfahren.” Der Jaeger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um seine Bereitwilligkeit zu zeigen, versprach er, selbst etwas zu erzaehlen. Er hub an:
“Bei solcher Unterhaltung kaeme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich auch zwei, drei und mehrere Naechte wach bleiben muesste", sagte der Zirkelschmied, als der Jaeger geendigt hatte. “Und oft schon habe ich dies bewaehrt gefunden. So war ich in frueherer Zeit als Geselle bei einem Glockengiesser. Der Meister war ein reicher Mann und kein Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal eine grosse Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit, so knickerig als moeglich erschien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke gegossen, und wir Jungen und Gesellen mussten die ganze Nacht am Herd sitzen und das Feuer hueten. Wir glaubten nicht anders, als der Meister werde sein Mutterfaesschen anstechen und uns den besten Wein vorsetzen. Aber nicht also. Er liess nur alle Stunden einen Umtrank tun und fing an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben allerlei Geschichten zu erzaehlen; dann kam es an den Obergesellen, und so nach der Reihe, und keiner von uns wurde schlaefrig, denn begierig horchten wir alle zu. Ehe wir uns dessen versahen, war es Tag. Da erkannten wir die List des Meisters, dass er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die Glocke fertig war, schonte er seinen Wein nicht und holte ein, was er weislich in jener Nacht versaeumte.”
“Das ist ein vernuenftiger Mann", erwiderte der Student, “gegen den Schlaf, das ist gewiss, hilft nichts als Reden. Darum moechte ich diese Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des Schlafes nicht erwehren koennte.”
“Das haben auch die Bauersleute wohlbedacht", sagte der Jaeger, “wenn die Frauen und Maedchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen, so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter der Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den sogenannten Lichtstuben, setzen sich in grosser Gesellschaft zur Arbeit und erzaehlen.”
“Ja", fiel der Fuhrmann ein, “da geht es oft recht greulich zu, dass man sich ordentlich fuerchten moechte, denn sie erzaehlen von feurigen Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh aengstigen.”
“Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung", entgegnete der Student. “Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhasst als Gespenstergeschichten.”
“Ei, da denke ich gerade das Gegenteil", rief der Zirkelschmied. “Mir ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte. Es ist gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schlaeft. Man hoert die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel herunterrauschen und fuehlt sich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in Gesellschaft von Gespenstern hoert, fuehlt man sich sicher und behaglich.”
“Aber nachher?” sagte der Student. “Wenn einer zugehoert hat, der dem laecherlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln? Wird er nicht an alles das Schauerliche denken, was er gehoert? Ich kann mich noch heute ueber diese Gespenstergeschichten aergern, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte vielleicht etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war. Da wusste sie nun kein anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als sie machte mich fuerchten. Sie erzaehlte mir allerlei schauerliche Geschichten von Hexen und boesen Geistern, die im Hause spuken sollten, und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Wesen trieb, fluesterte sie mir aengstlich zu: “Hoerst du, Soehnchen? Jetzt geht er wieder Treppe auf, Treppe ab, der tote Mann. Er traegt seinen Kopf unter dem Arm, aber seine Augen glaenzen doch wie Laternen; Krallen hat er statt der Finger, und wenn er einen im Dunkeln erwischt, dreht er ihm den Hals um.””
Die Maenner lachten ueber diese Geschichten, aber der Student fuhr fort: “Ich war zu jung, als dass ich haette einsehen koennen, dies alles sei unwahr und erfunden. Ich fuerchtete mich nicht vor dem groessten Jagdhund, warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins Dunkle kam, drueckte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der tote Mann heranschleichen. Es ging soweit, dass ich nicht mehr allein und ohne Licht aus der Tuere gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gezuechtigt, als er diese Unart bemerkte. Aber lange Zeit konnte ich diese kindische Furcht nicht loswerden, und allein meine toerichte Amme trug die Schuld.”
“Ja, das ist ein grosser Fehler", bemerkte der Jaeger, “wenn man die kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz fuellt. Ich kann versichern, dass ich brave, beherzte Maenner gekannt habe, Jaeger, die sich sonst vor drei Feinden nicht fuerchteten wenn sie nachts im Wald auf Wild lauern sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft ploetzlich an Mut; denn sie sahen einen Baum fuer ein schreckliches Gespenst, einen Busch fuer eine Hexe und ein paar Gluehwuermer fuer die Augen eines Ungetuems an, das im Dunklen auf sie laure.”
“Und nicht nur fuer Kinder", entgegnete der Student, “halte ich Unterhaltungen dieser Art fuer hoechst schaedlich und toericht, sondern auch fuer jeden; denn welcher vernuenftige Mensch wird sich ueber das Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn eines Toren wirklich sind. Dort spukt es, sonst nirgends. Doch am allerschaedlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk. Dort glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genaehrt, wo sie sich enge zusammensetzen und mit furchtbarer Stimme die allergreulichsten Geschichten erzaehlen.”
“Ja, Herr!” erwiderte der Fuhrmann. “Ihr moeget nicht unrecht haben; schon manches Unglueck ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben gekommen.”
“Wie das? An solchen Geschichten?” riefen die Maenner erstaunt.
“Jawohl, an solchen Geschichten", sprach jener weiter. “In dem Dorf, wo unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, dass die Frauen und die Maedchen in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen. Die jungen Burschen kommen dann auch und erzaehlen mancherlei. So kam es eines Abends, dass man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und die jungen Burschen erzaehlten von einem alten Kraemer, der schon vor zehn Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam und hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden und waege dort Zucker und Kaffee ab, indem er vor sich hinmurmle:
“Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht Haben bei Tag ein Pfund gemacht.”
Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Maedchen und Weiber fingen an, sich zu fuerchten. Meine Schwester aber, ein Maedchen von sechzehn Jahren, wollte klueger sein als die andern und sagte: “Das glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!” Sie sagte es, aber leider ohne Ueberzeugung; denn sie hatte sich oft schon gefuerchtet. Da sagte einer von den jungen Leuten: “Wenn du dies glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm fuerchten; sein Grab ist nur zwei Schritte von Kaethchens, die letzthin gestorben. Wage es einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Kaethchens Grab eine Blume und bringe sie uns, so wollen wir glauben, dass du dich vor dem Kraemer nicht fuerchtest!”
Meine Schwester schaemte sich, von den andern verlacht zu werden, darum sagte sie, “oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn fuer eine Blume?”
“Es blueht im ganzen Dorf keine weisse Rose als dort; darum bring' uns einen Strauss von diesen", antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie stand auf und ging, und alle Maenner lobten ihren Mut; aber die Frauen schuettelten den Kopf und sagten: “Wenn es nur gut ablaeuft!” Meine Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an zu schaudern, als es zwoelf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte oeffnete.
Sie stieg ueber manchen Grabhuegel weg, den sie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger, je naeher sie zu Kaethchens weissen Rosen und zum Grab des gespenstigen Kraemers kam.
Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen ab. Da glaubte sie ganz in der Naehe ein Geraeusch zu vernehmen; sie sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein alter, bleicher Mann mit einer weissen Schlafmuetze auf dem Kopf. Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu ueberzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit naeselnder Stimme anfing zu sprechen: “Guten Abend, Jungfer; woher so spaet?” da erfasste sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang ueber die Graeber hin nach jenem Hause, erzaehlte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so schwach, dass man sie nach Hause tragen musste. Was nuetzte es uns, dass wir am andern Tage erfuhren, dass es der Totengraeber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwester gesprochen habe? Sie verfiel, noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst gebrochen.”
Der Fuhrmann schwieg, und eine Traene hing in seinen Augen, die andern aber sahen teilnehmend auf ihn.
“So hat das arme Kind auch an diesem Koehlerglauben sterben muessen", sagte der junge Goldarbeiter, “mir faellt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzaehlen moechte und die leider mit einem solchen Trauerfall zusammenhaengt”:
“Mitternacht ist laengst vorueber", sagte der Student, als der junge Goldarbeiter seine Erzaehlung geendigt hatte, “jetzt hat es wohl keine Gefahr mehr, und ich fuer meinen Teil bin so schlaefrig, dass ich allen raten moechte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen.”
“Vor zwei Uhr morgens moecht' ich doch nicht trauen", entgegnete der Jaeger, “das Sprichwort sagt, von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit.”
“Das glaube ich auch", bemerkte der Zirkelschmied, “denn wenn man uns etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach Mitternacht. Darum meine ich, der Studiosus koennte an seiner Erzaehlung fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat.”
“Ich straeube mich nicht", sagte dieser, “obgleich unser Nachbar, der Herr Jaeger, den Anfang nicht gehoert hat.”
“Ich muss ihn mir hinzudenken, fanget nur an!” rief der Jaeger.
“Nun denn", wollte eben der Student beginnen, als sie durch das Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden. Alle hielten den Atem an und horchten; zugleich stuerzte einer der Bediensteten aus dem Zimmer der Graefin und rief, dass wohl zehn bis zwoelf bewaffnete Maenner von der Seite her auf die Schenke zukaemen.
Der Jaeger griff nach seiner Buechse, der Student nach seiner Pistole, die Handwerksburschen nach ihren Stoecken, und der Fuhrmann zog ein langes Messer aus der Tasche. So standen sie und sahen ratlos einander an.
“Lasst uns an die Treppe gehen!” rief der Student, “zwei oder drei dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir ueberwaeltigt werden.” Zugleich gab er dem Zirkelschmied seine zweite Pistole und riet, dass sie nur einer nach dem anderen schiessen wollten. Sie stellten sich an die Treppe; der Student und der Jaeger nahmen gerade ihre ganze Breite ein; seitwaerts neben dem Jaeger stand der mutige Zirkelschmied und beugte sich ueber das Gelaender, indem er die Muendung seiner Pistole auf die Mitte der Treppe hielt: Der Goldarbeiter und der Fuhrmann standen hinter ihnen, bereit, wenn es zu einem Kampf Mann gegen Mann kommen sollte, das ihrige zu tun. So standen sie einige Minuten in stiller Erwartung: Endlich hoerte man die Haustuere aufgehen, sie glaubten auch das Fluestern mehrerer Stimmen zu vernehmen.
Jetzt hoerte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen; man kam die Treppe herauf, und auf der ersten Haelfte zeigten sich drei Maenner, die wohl nicht auf den Empfang gefasst waren, der ihnen bereitet war. Denn als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der Jaeger mit starker Stimme: “Halt! Noch einen Schritt weiter, und ihr seid des Todes. Spannet die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!”
Die Raeuber erschraken, zogen sich eilig zurueck und berieten sich mit den uebrigen. Nach einer Weile kam einer davon zurueck und sprach: “Ihr Herren! Es waere Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern zu wollen, denn wir sind unserer genug, um euch voellig aufzureiben; aber ziehet euch zurueck, es soll keinem das Geringste zuleide geschehen; wir wollen keines Groschen Wert von euch nehmen.”
“Was wollt ihr denn sonst?” rief der Student. “Meint ihr, wir werden solchem Gesindel trauen? Nimmermehr! Wollt ihr etwas holen, in Gottes Namen, so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt, brenne ich auf die Stirne, dass er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr haben soll!”
“Gebt uns die Dame heraus, gutwillig!” antwortete der Raeuber. “Es soll ihr nichts geschehen; wir wollen sie an einen sicheren und bequemen Ort fuehren, ihre Leute koennen zurueckreiten und den Herrn Grafen bitten, er moege sie mit zwanzigtausend Gulden ausloesen.”
“Solche Vorschlaege sollen wir uns machen lassen?” entgegnete der Jaeger, knirschend vor Wut, und spannte den Hahn. “Ich zaehle drei, und wenn du da unten nicht bei drei hinweg bist, so druecke ich los, eins, zwei—”
“Halt!” schrie der Raeuber mit donnernder Stimme. “Ist das Sitte, auf einen wehrlosen Mann zu schiessen, der mit euch friedlich unterhandelt? Toerichter Bursche, du kannst mich totschiessen, und dann hast du erst keine grosse Heldentat getan; aber hier stehen zwanzig meiner Kameraden, die mich raechen werden. Was nuetzt es dann deiner Frau Graefin, wenn ihr tot oder verstuemmelt auf dem Flur lieget? Glaube mir, wenn sie freiwillig mitgeht, soll sie mit Achtung behandelt werden; aber wenn du, bis ich drei zaehle, nicht den Hahnen in Ruhe setzest, so soll es ihr uebel ergehen. Hahnen in Ruh', eins, zwei, drei!” “Mit diesen Hunden ist nicht zu spassen", fluesterte der Jaeger, indem er den Befehl des Raeubers befolgte, “wahrhaftig, an meinem Leben liegt nichts; aber wenn ich einen niederschiesse, koennten sie meine Dame um so haerter behandeln. Ich will die Graefin um Rat fragen. Gebt uns", fuhr er mit lauter Stimme fort, “gebt uns eine halbe Stunde Waffenstillstand, um die Graefin vorzubereiten; sie wuerde, wenn sie es so ploetzlich erfaehrt, den Tod davon haben.”
“Zugestanden", antwortete der Raeuber und liess zugleich den Ausgang der Treppe mit sechs Maennern besetzen.
Bestuerzt und verwirrt folgten die ungluecklichen Reisenden dem Jaeger in das Zimmer der Graefin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte man verhandelt, dass ihr kein Wort entgangen war. Sie war bleich und zitterte heftig; aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in ihr Schicksal zu ergeben. “Warum soll ich nutzlos das Leben so vieler braver Leute aufs Spiel setzen?” fragte sie. “Warum euch zu einer vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar nicht kennet? Nein, ich sehe, dass keine andere Rettung ist, als den Elenden zu folgen.”
Man war allgemein von dem Mut und dem Unglueck der Dame ergriffen; der Jaeger weinte und schwur, dass er diese Schmach nicht ueberleben koenne. Der Student aber schmaehte auf sich und seine Groesse von sechs Fuss. “Waere ich nur um einen halben Kopf kleiner", rief er, “und haette ich keinen Bart, so wuesste ich wohl, was ich zu tun haette; ich liesse mir von der Frau Graefin Kleider geben, und diese Elenden sollten spaet genug erfahren, welchen Missgriff sie getan.”
Auch auf Felix hatte das Unglueck dieser Frau grossen Eindruck gemacht. Ihr ganzes Wesen kam ihm so ruehrend und bekannt vor; es war ihm, als sei es seine fruehe verstorbene Mutter, die sich in dieser schrecklichen Lage befaende. Er fuehlte sich so gehoben, so mutig, dass er gerne sein Leben fuer das ihrige gegeben haette. Doch als der Student jene Worte sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in seiner Seele auf; er vergass alle Angst, alle Ruecksichten, und er dachte nur an die Rettung dieser Frau. “Ist es nur dies", sprach er, indem er schuechtern und erroetend hervortrat, “gehoert nur ein kleiner Koerper, ein bartloses Kinn und ein mutiges Herz dazu, die gnaedige Frau zu retten, so bin ich vielleicht auch nicht zu schlecht dazu; ziehet in Gottes Namen meinen Rock an, setzet meinen Hut auf Euer schoenes Haar und nehmet mein Buendel auf den Ruecken und ziehet als Felix, der Goldarbeiter, Eure Strasse!”
Alle waren erstaunt ueber den Mut des Juenglings, der Jaeger aber fiel ihm freudig um den Hals. “Goldjunge", rief er, “das wolltest du tun? Wolltest dich in meiner gnaedigen Frau Kleider stecken lassen und sie retten? Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht gehen, ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an deiner Seite als dein bester Freund, und solange ich lebe, sollen sie dir nichts anhaben duerfen.”
“Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!” rief der Student.
Es kostete lange Ueberredung, um die Graefin zu diesem Vorschlag zu ueberreden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ein fremder Mensch fuer sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Falle einer spaeteren Entdeckung die Rache der Raeuber, die ganz auf den Ungluecklichen fallen wuerde, schrecklich. Aber endlich siegten teils die Bitten des jungen Menschen, teils die Ueberzeugung, im Falle sie gerettet wuerde, alles aufbieten zu koennen, um ihren Retter wieder zu befreien. Sie willigte ein. Der Jaeger und die uebrigen Reisenden begleiteten Felix in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell einige Kleider der Graefin ueberwarf. Der Jaeger setzte ihm noch zum Ueberfluss einige falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut auf, und alle versicherten, dass man ihn nicht erkennen wuerde. Selbst der Zirkelschmied schwur, dass, wenn er ihm auf der Strasse begegnete, er flink den Hut abziehen und nicht ahnen wuerde, dass er vor seinem mutigen Kameraden sein Kompliment mache.
Die Graefin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem Raenzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen. Der Hut, tief in die Stirne gedrueckt, der Reisestock in der Hand, das etwas leichter gewordene Buendel auf dem Ruecken machten sie voellig unkenntlich, und die Reisenden wuerden,zu jeder anderen Zeit ueber diese komische Maskerade nicht wenig gelacht haben. Der neue Handwerksbursche dankte Felix mit Traenen und versprach die schleunigste Hilfe.
“Nur noch eine Bitte habe ich", antwortete Felix, “in diesem Raenzchen, das Sie auf dem Ruecken tragen, befindet sich eine kleine Schachtel; verwahren Sie diese sorgfaeltig! Wenn sie verlorenginge, waere ich auf immer und ewig ungluecklich; ich muss sie meiner Pflegmutter bringen und—”
“Gottfried, der Jaeger, weiss mein Schloss", entgegnete sie, “es soll Euch alles unbeschaedigt wieder zurueckgestellt werden; denn ich hoffe, Ihr kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten und den meinigen zu empfangen.”
Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertoenten von der Treppe her die rauhen Stimmen der Raeuber; sie riefen, die Frist sei verflossen und alles zur Abfahrt der Graefin bereit. Der Jaeger ging zu ihnen hinab und erklaerte ihnen, dass er die Dame nicht verlassen werde und lieber mit ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine Gebieterin vor seinem Herrn erschiene. Auch der Student erklaerte, diese Dame begleiten zu wollen. Sie beratschlagten sich ueber diesen Fall und gestanden es endlich zu unter der Bedingung, dass der Jaeger sogleich seine Waffen abgebe. Zugleich befahlen sie, dass die uebrigen Reisenden sich ruhig verhalten sollten, wenn die Graefin hinweggefuehrt werde Felix liess den Schleier nieder, der ueber seinen Hut gebreitet war, setzte sich in eine Ecke, die Stirne in die Hand gestuetzt, und in dieser Stellung eines tief Betruebten erwartete er die Raeuber. Die Reisenden hatten sich in das andere Zimmer zurueckgezogen, doch so, dass sie, was vorging, ueberschauen konnten; der Jaeger sass anscheinend traurig, aber auf alles lauernd in der anderen Ecke des Zimmers, das die Graefin bewohnt hatte. Nachdem sie einige Minuten so gesessen, ging die Tuere auf, und ein schoener, stattlich gekleideter Mann von etwa sechsunddreissig Jahren trat in das Zimmer. Er trug eine Art von militaerischer Uniform, einen Orden auf der Brust, einen langen Saebel an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem schoene Federn herabwallten. Zwei seiner Leute hatten gleich nach seinem Eintritt die Tuere besetzt.
Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er schien vor einer Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehrere Male an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen.
“Gnaedige Frau", sagte er, “es gibt Faelle, in die man sich in Geduld schicken muss. Ein solcher ist der Ihrige. Glauben Sie nicht, dass ich den Respekt vor einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen Augenblick aus den Augen setzen werde; Sie werden alle Bequemlichkeiten haben, Sie werden ueber nichts klagen koennen als vielleicht ueber den Schrecken, den Sie diesen Abend gehabt.” Hier hielt er inne, als erwartete er eine Antwort; als aber Felix beharrlich schwieg, fuhr er fort: “Sehen Sie in mir keinen gemeinen Dieb, keinen Kehlenabschneider. Ich bin ein ungluecklicher Mann, den widrige Verhaeltnisse zu diesem Leben zwangen. Wir wollen uns auf immer aus dieser Gegend entfernen; aber wir brauchen Reisegeld. Es waere uns ein leichtes gewesen, Kaufleute oder Postwagen zu ueberfallen; aber dann haetten wir vielleicht mehrere Leute auf immer ins Unglueck gestuerzt. Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor sechs Wochen eine Erbschaft von fuenfmalhunderttausend Talern gemacht. Wir erbitten uns zwanzigtausend Gulden von diesem Ueberfluss, gewiss eine gerechte und bescheidene Forderung. Sie werden daher die Gnade haben, jetzt sogleich einen offenen Brief an Ihren Gemahl zu schreiben, worin Sie ihm melden, dass wir Sie zurueckgehalten, dass er die Zahlung so bald als moeglich leisten moege, widrigenfalls—Sie verstehen mich, wir muessten dann etwas haerter mit Ihnen selbst verfahren. Die Zahlung wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit von einem einzelnen Manne hierhergebracht wird.”
Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen Gaesten der Waldschenke, am aengstlichsten wohl von der Graefin beobachtet. Sie glaubte jeden Augenblick, der Juengling, der sich fuer sie geopfert, koennte sich verraten. Sie war fest entschlossen, ihn um einen grossen Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke, um keinen Preis der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Raeubern zu gehen. Sie hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer gefunden. Sie hielt es geoeffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich lieber zu toeten als eine solche Schmach zu erdulden. Jedoch nicht minder aengstlich war Felix selbst. Zwar staerkte und troestete ihn der Gedanke, dass es eine maennliche und wuerdige Tat sei, einer bedraengten, hilflosen Frau auf diese Weise beizustehen; aber er fuerchtete, sich durch jede Bewegung, durch seine Stimme zu verraten. Seine Angst steigerte sich, als der Raeuber von einem Briefe sprach, den er schreiben sollte.
Wie sollte er schreiben? Welche Titel dem Grafen geben, welche Form dem Briefe, ohne sich zu verraten?
Seine Angst stieg aber aufs hoechste, als der Anfuehrer der Raeuber Papier und Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier zurueckzuschlagen und zu schreiben.
Felix wusste nicht, wie huebsch ihm die Tracht passte, in welche er gekleidet war; haette er es gewusst, er wuerde sich vor einer Entdeckung nicht im mindesten gefuerchtet haben. Denn als er endlich notgedrungen den Schleier zurueckschlug, schien der Herr in Uniform, betroffen von der Schoenheit der Dame und ihren etwas maennlichen, mutigen Zuegen, sie nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten. Dem klaren Blick des jungen Goldschmieds entging dies nicht; getrost, dass wenigstens in diesem gefaehrlichen Augenblick keine Entdeckung zu fuerchten sei, ergriff er die Feder und schrieb an seinen vermeintlichen Gemahl nach einer Form, wie er sie einst in einem alten Buche gelesen; er schrieb:
“Mein Herr und Gemahl!
Ich unglueckliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht ploetzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine gute Absicht zutrauen kann. Sie werden mich solange zurueckhalten, bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20 000 Gulden fuer mich niedergelegt haben.
Die Bedingung ist dabei, dass Sie nicht im mindesten ueber die Sache sich bei der Obrigkeit beschweren noch ihre Hilfe nachsuchen, dass Sie das Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldschenke im Spessart schicken; widrigenfalls ist mir mit laengerer und harter Gefangenschaft gedroht.
Es fleht Sie um schleunige Hilfe an
Ihre unglueckliche Gemahlin.”
Er reichte den merkwuerdigen Brief dem Anfuehrer der Raeuber, der ihn durchlas und billigte. “Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an", fuhr er fort, “ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jaeger zur Begleitung waehlen werden. Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an Ihren Herrn Gemahl zurueckschicken.”
“Der Jaeger 'und dieser Herr hier werden mich begleiten", antwortete Felix.
“Gut", entgegnete jener, indem er an die Tuere ging und die Kammerfrau herbeirief, “so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe!”
Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben. Auch Felix erblasste, wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten koennte. Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gefaehrlichen Augenblicken staerkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein. “Ich habe dir nichts weiter aufzutragen", sprach er, “als dass du den Grafen bittest, mich sobald als moeglich aus dieser ungluecklichen Lage zu reissen.”
“Und", fuhr der Raeuber fort, “dass Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste und ausdruecklichste empfehlen, dass er alles verschweige und nichts gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen Haenden ist. Unsere Kundschafter wuerden uns bald genug davon unterrichten, und ich moechte dann fuer nichts stehen.”
Die zitternde Kammerfrau versprach alles. Es wurde ihr noch befohlen, einige Kleidungsstuecke und Linnenzeug fuer die Frau Graefin in ein Buendel zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gepaecke beladen koenne, und als dies geschehen war, forderte der Anfuehrer der Raeuber die Dame mit einer Verbeugung auf, ihm zu folgen. Felix stand auf, der Jaeger und der Student folgten ihm, und alle drei stiegen, begleitet von dem Anfuehrer der Raeuber, die Treppe hinab.
Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem Jaeger angewiesen, ein anderes, ein schoenes kleines Tier, mit einem Damensattel versehen, stand fuer die Graefin bereit, ein drittes gab man dem Studenten. Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den Sattel, schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Ross. Er stellte sich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der Raeuber; auf gleiche Weise waren auch der Jaeger und der Student umgeben. Nachdem sich auch die uebrige Bande zu Pferde gesetzt hatte, gab der Anfuehrer mit einer helltoenenden Pfeife das Zeichen zum Aufbruch, und bald war die ganze Schar im Walde verschwunden.
Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich nach diesem Auftritt allmaehlich von ihrem Schrecken. Sie waeren, wie es nach grossem Unglueck oder ploetzlicher Gefahr zu geschehen pflegt, vielleicht sogar heiter gewesen, haette sie nicht der Gedanke an ihre drei Gefaehrten beschaeftigt, die man vor ihren Augen hinweggefuehrt hatte. Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und die Graefin vergoss Traenen der Ruehrung, wenn sie bedachte, dass sie einem Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor Gutes getan, den sie nicht einmal kannte. Ein Trost war es fuer alle, dass der heldenmuetige Jaeger und der wackere Student ihn begleitet hatten, konnten sie ihn doch troesten, wenn sich der junge Mann ungluecklich fuehlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu ferne, dass der verschlagene Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden koennte. Sie berieten sich noch miteinander, was zu tun sei. Die Graefin beschloss, da ja sie kein Schwur gegen den Raeuber binde, sogleich zu ihrem Gemahl zurueckzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der Gefangenen zu entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach, nach Aschaffenburg zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der Raeuber anzurufen. Der Zirkelschmied aber wollte seine Reise fortsetzen.
Die Reisenden wurden in der Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so schrecklicher Szenen gewesen war. Als aber am Morgen die Bediensteten der Graefin zu der Wirtin hinabgingen, um alles zur Abfahrt fertig zu machen, kehrten sie schnell zurueck und berichteten, dass sie die Wirtin und ihr Gesinde in elendem Zustande gefunden haetten; sie laegen gebunden in der Schenke und flehten um Beistand.
Die Reisenden sahen sich bei dieser Nachricht erstaunt an. “Wie?” rief der Zirkelschmied, “so sollten diese Leute dennoch unschuldig sein? So haetten wir ihnen unrecht getan, und sie staenden nicht im Einverstaendnis mit den Raeubern?”
“Ich lasse mich aufhaengen statt ihrer", erwiderte der Fuhrmann, “wenn wir nicht dennoch recht hatten. Dies alles ist nur Betrug, um nicht ueberwiesen werden zu koennen. Erinnert ihr euch nicht der verdaechtigen Mienen dieser Wirtschaft? Erinnert ihr euch nicht, als ich hinabgehen wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht losliess, wie die Wirtin und der Hausknecht sogleich erschienen und muerrisch fragten, was ich denn noch zu tun haette? Doch sie sind unser, wenigstens der Frau Graefin Glueck. Haette es in der Schenke weniger verdaechtig ausgesehen, haette uns die Wirtin nicht so misstrauisch gemacht, wir waeren nicht zusammengestanden, waeren nicht wach geblieben. Die Raeuber haetten uns ueberfallen im Schlafe, haetten zum wenigsten unsere Tuere bewacht, und diese Verwechslung des braven jungen Burschen waere nimmer moeglich geworden.”
Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle ueberein und beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit anzugeben. Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich jetzt nichts merken lassen. Die Bediensteten und der Fuhrmann gingen daher hinab in das Schenkzimmer, loesten die Bande der Diebeshehler auf und bezeugten sich so mitleidig und bedauernd als moeglich. Um ihre Gaeste noch mehr zu versoehnen, machte die Wirtin nur eine kleine Rechnung fuer jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.
Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen Abschied und fuhr seine Strasse. Nach diesem machten sich die beiden Handwerksburschen auf den Weg. So leicht das Buendel des Goldschmieds war, so drueckte es doch die zarte Dame nicht wenig. Aber noch viel schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haustuere die Wirtin ihre verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen. “Ei, was seid Ihr doch ein junges Blut", rief sie beim Abschied des zarten Jungen, “noch so jung und schon in die Welt hinaus! Ihr seid gewiss ein verdorbenes Kraeutlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte. Nun, was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr, glueckliche Reise!”
Die Graefin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie fuerchtete, sich durch ihre zarte Stimme zu verraten. Der Zirkelschmied merkte es, nahm seinen Gefaehrten unter den Arm, sagte der Wirtin ade und stimmte ein lustiges Lied an, waehrend er dem Walde zuschnitt.
“Jetzt erst bin ich in Sicherheit!” rief die Graefin, als sie etwa hundert Schritte entfernt waren. “Noch immer glaubte ich, die Frau werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen. Oh, wie will ich euch allen danken! Kommet auch Ihr auf mein Schloss, Ihr muesst doch Euern Reisegenossen bei mir wieder abholen.”
Der Zirkelschmied sagte zu, und waehrend sie noch sprachen, kam der Wagen der Graefin ihnen nachgefahren; schnell wurde die Tuere geoeffnet, die Dame schluepfte hinein, gruesste den jungen Handwerksburschen noch einmal, und der Wagen fuhr weiter.
Um dieselbe Zeit hatten die Raeuber und ihre Gefangenen den Lagerplatz der Bande erreicht. Sie waren durch eine ungebahnte Waldstrasse im schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie kein Wort, auch unter sich fluesterten sie nur zuweilen, wenn die Richtung des Weges sich veraenderte.
Vor einer tiefen Waldschlucht machte man endlich halt. Die Raeuber sassen ab, und ihr Anfuehrer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er sich fuer den harten und eiligen Ritt entschuldigte und fragte, ob doch die gnaedige Frau nicht gar zu sehr angegriffen sei.
Felix antwortete ihm so zierlich als moeglich, dass er sich nach Ruhe sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu fuhren.
Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fusspfad, welcher hinunterfuehrte, war so schmal und abschuessig, dass der Anfuehrer oft seine Dame unterstuetzen musste, um sie vor der Gefahr, hinabzustuerzen, zu bewahren. Endlich langte man unten an. Felix sah vor sich beim matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von hoechstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch hinanstrebender Felsen lag. Etwa sechs bis acht kleine Huetten waren in dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen Baeumen aufgebaut. Einige schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen Hoehlen hervor, und ein Rudel von zwoelf grossen Hunden und ihren unzaehligen Jungen umsprang heulend und bellend die Ankommenden. Der Hauptmann fuehrte die vermeintliche Graefin in die beste dieser Huetten und sagte ihr, diese sei ausschliesslich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er auf Felix' Verlangen, dass der Jaeger und der Student zu ihm gelassen wurden.
Die Huette war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum Fussboden und Sitze dienen mussten. Einige Kruege und Schuesseln, aus Holz geschnitzt, eine alte Jagdflinte und in der hintersten Ecke ein Lager, aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken bekleidet, welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte, waren die einzigen Geraete dieses graeflichen Palastes. Jetzt erst, allein gelassen in dieser elenden Huette, hatten die drei Gefangenen Zeit, ueber ihre sonderbare Lage nachzudenken. Felix, der zwar seine edelmuetige Handlung keinen Augenblick bereute, aber doch fuer seine Zukunft im Falle einer Entdeckung bange war, wollte sich in lauten Klagen Luft machen; der Jaeger aber rueckte ihm schnell naeher und fluesterte ihm zu: “Sei um Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst du denn nicht, dass man uns behorcht?”
“Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache koennten sie Verdacht schoepfen", setzte der Student hinzu. Dem armen Felix blieb nichts uebrig, als stille zu weinen.
“Glaubt mir, Herr Jaeger", sagte er, “ich weine nicht aus Angst vor diesen Raeubern oder aus Furcht vor dieser elenden Huette; nein, es ist ein ganz anderer Kummer, der mich drueckt. Wie leicht kann die Graefin vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann haelt man mich fuer einen Dieb, und ich bin elend auf immer!”
“Aber was ist es denn, was dich so aengstigt?” fragte der Jaeger, verwundert ueber das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so mutig und stark betragen hatte.
“Hoeret zu, und ihr werdet mir recht geben", antwortete Felix. “Mein Vater war ein geschickter Goldarbeiter in Nuernberg, und meine Mutter hatte frueher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und als sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Graefin, welcher sie gedient hatte, trefflich ausgestattet. Diese blieb meinen Eltern immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und beschenkte mich reichlich. Aber als meine Eltern bald nacheinander an einer Seuche starben und ich ganz allein und verlassen in der Welt stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die Frau Pate unser Unglueck, nahm sich meiner an und gab mich in ein Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte. Ich war froh darueber und sagte zu, und so gab sie mich meinem Meister in Wuerzburg in die Lehre. Ich hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, dass mir der Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich ruesten konnte. Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete sie, dass sie das Geld zur Wanderschaft gebe. Dabei schickte sie prachtvolle Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem schoenen Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner Geschicklichkeit selbst ueberbringen und das Reisegeld in Empfang nehmen. Meine Frau Pate habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und ihr koennet denken, wie ich mich auf sie freute. Tag und Nacht arbeitete ich an dem Schmuck, er wurde so schoen und zierlich, dass selbst der Meister darueber erstaunte. Als es fertig war, packte ich alles sorgfaeltig auf den Boden meines Raenzels, nahm Abschied vom Meister und wanderte meine Strasse nach dem Schlosse der Frau Pate. Da kamen", fuhr er in Traenen ausbrechend fort, “diese schaendlichen Menschen und zerstoerten all meine Hoffnung. Denn wenn Eure Frau Graefin den Schmuck verliert oder vergisst, was ich ihr sagte, und das schlechte Raenzchen wegwirft, wie soll ich dann vor meine gnaedige Frau Pate treten? Mit was soll ich mich ausweisen? Woher die Steine ersetzen? Und das Reisegeld ist dann auch verloren, und ich erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so leichtfertig weggegeben. Und am Ende—wird man mir glauben, wenn ich den wunderbaren Vorfall erzaehle?”
“Ueber das letztere seid getrost!” erwiderte der Jaeger. “Ich glaube nicht, dass bei der Graefin Euer Schmuck verlorengehen kann; und wenn auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wieder erstatten und ein Zeugnis ueber diese Vorfaelle ausstellen. Wir verlassen Euch jetzt auf einige Stunden; denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach den Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch noetig haben. Nachher lasst uns im Gespraech unser Unglueck auf Augenblicke vergessen oder, besser noch, auf unsere Flucht denken!”
Sie gingen; Felix blieb allein zurueck und versuchte, dem Rat des Jaegers zu folgen.
Als nach einigen Stunden der Jaeger mit dem Studenten zurueckkam, fand er seinen jungen Freund gestaerkter und munterer als zuvor. Er erzaehlte dem Goldschmied, dass ihm der Hauptmann alle Sorgfalt fuer die Dame empfohlen habe, und in wenigen Minuten werde eines der Weiber, die sie unter den Huetten gesehen hatten, der gnaedigen Graefin Kaffee bringen und ihre Dienste zur Aufwartung anbieten. Sie beschlossen, um ungestoert zu sein, diese Gefaelligkeit nicht anzunehmen, und als das alte, haessliche Zigeunerweib kam, das Fruehstueck versetzte und mit grinsender Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten sein koennte, winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte, scheuchte sie der Jaeger aus der Huette. Der Student erzaehlte dann weiter, was sie sonst noch von dem Lager der Raeuber gesehen. “Die Huette, die Ihr bewohnt, schoenste Frau Graefin", sprach er, “scheint urspruenglich fuer den Hauptmann bestimmt. Sie ist nicht so geraeumig, aber schoener als die uebrigen. Ausser dieser sind noch sechs andere da, in welchen die Weiber und Kinder wohnen; denn von den Raeubern sind selten mehr als sechs zu Hause. Einer steht nicht weit von dieser Huette Wache, der andere unten am Weg in der Hoehe, und ein dritter hat den Lauerposten oben am Eingang in die Schlucht. Von zwei zu zwei Stunden werden sie von den drei uebrigen abgeloest. Jeder hat ueberdies zwei grosse Hunde neben sich liegen, und sie alle sind so wachsam, dass man keinen Fuss aus der Huette setzen kann, ohne dass sie anschlagen. Ich habe keine Hoffnung, dass wir uns durchstehlen koennen.”
“Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger geworden", entgegnete Felix, “gebet nicht alle Hoffnung auf, und fuerchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem reden und nicht lange voraus schon kummervoll sein! Herr Student, in der Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzaehlen, fahret jetzt fort; denn wir haben Zeit zum Plaudern.”
“Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war", antwortete der junge Mann.
“Ihr erzaehltet die Sage von dem kalten Herz und seid stehengeblieben, wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der Tuere werfen.”
“Gut, jetzt entsinne ich mich wieder", entgegnete er, “nun, wenn ihr weiter hoeren wollet, will ich fortfahren”:
Es mochten etwa schon fuenf Tage vergangen sein, waehrend Felix, der Jaeger und der Student noch immer unter den Raeubern gefangen sassen. Sie wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut behandelt, aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr die Zeit fortrueckte, desto hoeher stieg auch ihre Angst vor Entdeckung. Am Abend des fuenften Tages erklaerte der Jaeger seinen Leidensgenossen, dass er entschlossen sei, in dieser Nacht loszubrechen, und wenn es ihn auch das Leben kosten sollte. Er munterte seine Gefaehrten zum gleichen Entschluss auf und zeigte ihnen, wie sie ihre Flucht ins Werk setzen koennten. “Den, der uns zunaechst steht, nehme ich auf mich; es ist Notwehr, und Not kennt kein Gebot, er muss sterben.”
“Sterben!” rief Felix entsetzt. “Ihr wollt ihn totschlagen?”
“Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei Menschenleben zu retten. Wisset, dass ich die Raeuber mit besorglicher Miene habe fluestern hoeren, im Wald werde nach ihnen gestreift, und die alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die boese Absicht der Bande; sie schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die Raeuber angegriffen wuerden, so muessten wir ohne Gnade sterben.”
“Gott im Himmel!” schrie der Juengling entsetzt und verbarg sein Gesicht in die Haende.
“Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt", fuhr der Jaeger fort, “drum lasst uns ihnen zuvorkommen! Wenn es dunkel ist, schleiche ich auf die naechste Wache zu; sie wird anrufen; ich werde ihm zufluestern, die Graefin sei ploetzlich sehr krank geworden, und indem er sich umsieht, stosse ich ihn nieder. Dann hole ich Euch ab, junger Mann, und der zweite kann uns ebensowenig entgehen; und beim dritten haben wir zu zweit leichtes Spiel.”
Der Jaeger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, dass Felix sich vor ihm fuerchtete. Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen Gedanken abzustehen, als die Tuere leise aufging und schnell eine Gestalt hereinschluepfte. Es war der Hauptmann. Behutsam schloss er wieder zu und winkte den beiden Gefangenen, sich ruhig zu verhalten. Er setzte sich neben Felix nieder und sprach:
“Frau Graefin, Ihr seid in schlimmer Lage. Euer Herr Gemahl hat nicht Wort gehalten, er hat nicht nur das Loesegeld nicht geschickt, sondern er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete Mannschaft streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute auszuheben. Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu toeten, wenn er Miene macht, uns anzugreifen; doch es muss ihm entweder an Eurem Leben wenig liegen, oder er traut unseren Schwueren nicht. Euer Leben ist in unserer Hand, ist nach unseren Gesetzen verwirkt. Was wollet Ihr dagegen einwenden?”
Bestuerzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wussten nicht zu antworten, denn Felix erkannte wohl, dass ihn das Gestaendnis ueber seine Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen koennte.
Es ist mir unmoeglich", fuhr der Hauptmann fort, “eine Dame, die meine vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu sehen. Darum will ich Euch einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg, der Euch uebrig bleibt: Ich will mit Euch entfliehen.”
“Erstaunt, ueberrascht blickten ihn beide an; er aber sprach weiter: “Die Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, nach Italien zu ziehen und unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen. Mir fuer meinen Teil behagt es nicht, unter einem anderen zu dienen, und darum werde ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen. Wenn Ihr mir nun Euer Wort geben wolltet, Frau Graefin, fuer mich gutzusprechen, Eure maechtigen Verbindungen zu meinem Schutze anzuwenden, so kann ich Euch noch freimachen, ehe es zu spaet ist.”
Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz straeubte sich, den Mann, der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht schuetzen koennte. Als er noch immer schwieg, fahr der Hauptmann fort: “Man sucht gegenwaertig ueberall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst zufrieden sein. Ich weiss, dass Ihr viel vermoeget; aber ich will ja nichts weiter als Euer Versprechen, etwas fuer mich in dieser Sache zu tun.”
“Nun denn", antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, “ich verspreche Euch, was ich tun kann, was in meinen Kraeften steht, anzuwenden, um Euch nuetzlich zu sein. Liegt doch, wie es Euch ergehe, ein Trost fuer mich darin, dass Ihr diesem Raeuberleben Euch selbst freiwillig entzogen habt.”
Geruehrt kuesste der Hauptmann die Hand dieser guetigen Dame, fluesterte ihr noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereitzuhalten, und verliess dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die Huette. Die Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war. “Wahrlich!” rief der Jaeger, “dem hat Gott das Herz gelenkt! Wie wunderbar sollen wir errettet werden! Haette ich mir traeumen lassen, dass in der Welt noch etwas dergleichen geschehen koennte und dass mir ein solches Abenteuer begegnen sollte?”
“Wunderbar, allerdings!” erwiderte Felix. “Aber habe ich auch recht getan, diesen Mann zu betruegen? Was kann ihm mein Schutz frommen? Saget selbst, Jaeger, heisst es ihn nicht an den Galgen locken, wenn ich ihm nicht gestehe, wer ich bin?” “Ei, wie moegt Ihr solche Skrupel haben, lieber Junge!” entgegnete der Student. “Nachdem Ihr Eure Rolle so meisterhaft gespielt! Nein, darueber duerft Ihr Euch nicht aengstigen, das ist nichts anderes als erlaubte Notwehr. Hat er doch den Frevel begangen, eine angesehene Frau schaendlicherweise von der Strasse hinwegfuehren zu wollen, und waeret Ihr nicht gewesen, wer weiss, wie es um das Leben der Graefin staende? Nein, Ihr habt nicht unrecht getan; uebrigens glaube ich, er wird bei den Gerichten sich einen Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses Gesindels, sich selbst ausliefert.”
Dieser letztere Gedanke troestete den jungen Goldschmied. Freudig bewegt und doch wieder voll banger Besorgnis ueber das Gelingen des Planes durchlebten sie die naechsten Stunden. Es war schon dunkel, als der Hauptmann auf einen Augenblick in die Huette trat, ein Buendel Kleider niederlegte und sprach: “Frau Graefin, um unsere Flucht zu erleichtern, muesst Ihr notwendig diese Maennerkleidung anlegen. Machet Euch fertig! In einer Stunde treten wir den Marsch an.”
Nach diesen Worten verliess er die Gefangenen, und der Jaeger hatte Muehe, nicht laut zu lachen. “Das waere nun die zweite Verkleidung"> rief er, “und ich wollte schwoeren, diese steht Euch noch besser als die erste!”
Sie oeffneten das Buendel und fanden ein huebsches Jagdkleid mit allem Zubehoer, das Felix trefflich passte. Nachdem er sich geruestet, wollte der Jaeger die Kleider der Graefin in einen Winkel der Huette werfen, Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen Buendel zusammen und aeusserte, er wolle die Graefin bitten, sie ihm zu schenken, und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese merkwuerdigen Tage aufbewahren.
Endlich kam der Hauptmann. Er war vollstaendig bewaffnet und brachte dem Jaeger die Buechse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn. Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen Hirschfaenger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuhaengen. Es war ein Glueck fuer die drei, dass es sehr dunkel war; denn leicht haetten die leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem Raeuber seinen wahren Stand verraten koennen. Als sie behutsam aus der Huette getreten waren, bemerkte der Jaeger, dass der gewoehnliche Posten an der Huette diesmal nicht besetzt sei. So war es moeglich, dass sie unbemerkt an den Huetten vorbeischleichen konnten; doch schlug der Hauptmann nicht den gewoehnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in den Wald hinausfuehrte, sondern er naeherte sich einem Felsen, der ganz senkrecht und, wie es schien, unzugaenglich vor ihnen lag. Als sie dort angekommen waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter aufmerksam, die an dem Felsen herabgespannt war. Er warf seine Buechse auf den Ruecken und stieg zuerst hinan; dann rief er der Graefin zu, ihm zu folgen, und bot ihr die Hand zur Hilfe, der Jaeger stieg zuletzt herauf. Hinter diesem Felsen zeigte sich ein Fusspfad, den sie einschlugen und rasch vorwaerts gingen.
“Dieser Fusspfad", sprach der Hauptmann, “fuehrt nach der Aschaffenburger Strasse. Dorthin wollen wir uns begeben; denn ich habe genau erfahren, dass Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenwaertig dort aufhaelt.”
Schweigend zogen sie weiter, der Raeuber immer voran, die drei anderen dicht hinter ihm. Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann lud Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen. Er zog Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den Ermuedeten an. “Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf den Kordon stossen, den das Militaer durch den Wald gezogen hat. In diesem Fall bitte ich Sie, mit dem Anfuehrer der Soldaten zu sprechen und gute Behandlung fuer mich zu verlangen.”
Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Verwendung geringen Erfolg versprach. Sie ruhten noch eine halbe Stunde und brachen dann auf. Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein und naeherten sich schon der Landstrasse; der Tag fing an heraufzukommen, und die Daemmerung verbreitete sich schon im Wald, als ihre Schritte ploetzlich durch ein lautes: “Halt! Steht!” gefesselt wurden. Sie hielten, und fuenf Soldaten rueckten gegen sie vor und bedeuteten ihnen, sie muessten folgen und vor dem kommandierenden Major sich ueber ihre Reise ausweisen. Als sie noch etwa fuenfzig Schritte gegangen waren, sahen sie links und rechts im Gebuesch Gewehre blitzen, eine grosse Schar schien den Wald besetzt zu haben. Der Major sass mit mehreren Offizieren und anderen Maennern unter einer Eiche. Als die Gefangenen vor ihn gebracht wurden und er eben anfangen wollte, sie zu examinieren ueber das “Woher” und “Wohin", sprang einer der Maenner auf und rief: “Mein Gott, was sehe ich? Das ist ja Gottfried, unser Jaeger!”
“Jawohl, Herr Amtmann!” antwortete der Jaeger mit freudiger Stimme, “da bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des schlechten Gesindels.”
Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der Jaeger aber bat den Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzaehlte in kurzen Worten, wie sie errettet worden und wer der dritte sei, welcher ihn und den jungen Goldschmied begleitete.
Erfreut ueber diese Nachricht, traf der Major sogleich seine Massregeln, den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen; den jungen Goldschmied aber fuehrte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den heldenmuetigen Juengling vor, der die Graefin durch seinen Mut und seine Geistesgegenwart gerettet habe, und alle schuettelten Felix freudig die Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und dem Jaeger ihre Schicksale erzaehlen zu lassen.
Indessen war es voellig Tag geworden. Der Major beschloss, die Befreiten selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und dem Amtmann der Graefin in das naechste Dorf, wo sein Wagen stand, und dort musste sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der Jaeger, der Student, der Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter ihnen, und so zogen sie im Triumph der Stadt zu. Wie ein Lauffeuer hatte sich das Geruecht von dem Ueberfall in der Waldschenke, von der Aufopferung des jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und ebenso reissend ging jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu Mund. Es war daher nicht zu verwundern, dass in der Stadt, wohin sie zogen, die Strassen gedraengt voll Menschen standen, die den jungen Helden sehen wollten. Alles draengte sich zu, als der Wagen langsam hereinfuhr. “Das ist er", riefen sie, “seht ihr ihn dort im Wagen neben dem Offizier! Es lebe der brave Goldschmiedsjunge!” Und ein tausendstimmiges “Hoch!” fuellte die Luefte.
Felix war beschaemt, geruehrt von der rauschenden Freude der Menge. Aber noch ein ruehrenderer Anblick stand ihm auf dem Rathause der Stadt bevor. Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern, empfing ihn an der Treppe und umarmte ihn mit Traenen in den Augen. “Wie kann ich dir vergelten, mein Sohn!” rief er. “Du hast mir viel gegeben, als ich nahe daran war, unendlich viel zu verlieren! Du hast mir die Gattin, meinen Kindern die Mutter gerettet; denn ihr zartes Leben haette die Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht ertragen.” Es war der Gemahl der Graefin, der diese Worte sprach. So sehr sich Felix straeuben mochte, einen Lohn fuer seine Aufopferung zu bestimmen, so unerbittlich schien der Graf darauf bestehen zu wollen. Da fiel dem Juengling das unglueckliche Schicksal des Raeuberhauptmanns ein; er erzaehlte, wie er ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich der Graefin gegolten habe. Der Graf, geruehrt nicht sowohl von der Handlung des Hauptmanns als von dem neuen Beweis einer edlen Uneigennuetzigkeit, den Felix durch die Wahl seiner Bitte ablegte, versprach, das Seinige zu tun, um den Raeuber zu retten.
Noch an demselben Tag aber fuehrte der Graf, begleitet von dem wackeren Jaeger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die Graefin, noch immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der sich fuer sie geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete. Wer beschreibt ihre Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in ihr Zimmer trat? Sie fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken; sie liess ihre Kinder herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen Juengling, dem ihre Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen fassten seine Haende, und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre Versicherungen, dass er ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen Erde das Liebste sei, waren ihm die schoenste Entschaedigung fuer manchen Kummer, fuer die schlaflosen Naechte in der Huette der Raeuber.
Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vorueber waren, winkte die Graefin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das wohlbekannte Raenzchen herbeibrachte, welche Felix der Graefin in der Waldschenke ueberlassen hatte. “Hier ist alles", sprach sie mit guetigem Laecheln, “was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken gegeben; es ist der Zauber, womit Ihr mich umhuellt habt, um meine Verfolger mit Blindheit zu schlagen. Es steht Euch wieder zu Diensten; doch will ich Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die ich zum Andenken an Euch aufbewahren moechte, mir zu ueberlassen und zum Tausch dafuer die Summe anzunehmen, welche die Raeuber zum Loesegeld fuer mich bestimmten.”
Felix erschrak ueber die Groesse dieses Geschenkes; sein edler Sinn straeubte sich, einen Lohn fuer das anzunehmen, was er aus freiem Willen getan. “Gnaedige Frau", sprach er bewegt, “ich kann dies nicht gelten lassen. Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet; jedoch die Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen. Doch, weil ich weiss, dass Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet, so erhaltet mir Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in den Fall kommen, Eurer Hilfe zu beduerfen, so koennt Ihr darauf rechnen, dass ich Euch darum bitten werde.” Noch lange drang man in den jungen Mann; aber nichts konnte seinen Sinn aendern. Die Graefin und ihr Gemahl gaben endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider und das Raenzchen wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide erinnerte, das er im Gefuehl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen hatte.
“Halt!” rief er. “Nur etwas muesst Ihr mir noch aus meinem Raenzchen zu nehmen erlauben, gnaedige Frau; das uebrige ist dann ganz und voellig Euer.”
“Schaltet nach Belieben", sprach sie, “obgleich ich gerne alles zu Eurem Gedaechtnis behalten haette, so nehmet nur, was Ihr etwa davon nicht entbehren wollet! Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch denn so sehr am Herzen, dass Ihr es mir nicht ueberlassen moeget?”
Der Juengling hatte waehrend dieser Worte sein Raenzchen geoeffnet und ein Kaestchen von rotem Saffian herausgenommen. “Was mein ist, koennet Ihr alles haben", erwiderte er laechelnd, “doch dies gehoert meiner lieben Frau Pate; ich habe es selbst gefertigt und muss es ihr bringen. Es ist ein Schmuck, gnaedige Frau", fuhr er fort, indem er das Kaestchen oeffnete und ihr hinbot, “ein Schmuck, an welchem ich mich selbst versucht habe.”
Sie nahm das Kaestchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf geworfen, fuhr sie betroffen zurueck.
“Wie? Diese Steine!” rief sie. “Und fuer Eure Pate sind sie bestimmt, sagtet Ihr?”
“Jawohl", antwortete Felix, “meine Frau Pate hat mir die Steine geschickt; ich habe sie gefasst und bin auf dem Wege, sie selbst zu ueberbringen.”
Geruehrt sah ihn die Graefin an; Traenen drangen aus ihren Augen. “So bist du Felix Perner aus Nuernberg?” rief sie.
“Jawohl! Aber woher wisst Ihr so schnell meinen Namen?” fragte der Juengling und sah sie bestuerzt an.
“Oh, wundervolle Fuegung des Himmels!” sprach sie geruehrt zu ihrem staunenden Gemahl. “Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn unserer Kammerfrau Sabine! Felix! Ich bin es ja, zu der du kommen wolltest; so hast du deine Pate gerettet, ohne es zu wissen.”
“Wie? Seid denn Ihr die Graefin Sandau, die so viel an mir und meiner Mutter getan? Und dies ist das Schloss Mayenburg, wohin ich wandern wollte? Wie danke ich dem guetigen Geschick, das mich so wunderbar mit Euch zusammentreffen liess; so habe ich Euch doch durch die Tat, wenn auch in geringem Masse, meine grosse Dankbarkeit bezeugen koennen!”
“Du hast mehr an mir getan", erwiderte sie, “als ich je an dir haette tun koennen; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen, wie unendlich viel wir alle dir schuldig sind. Mein Gatte soll dein Vater, meine Kinder deine Geschwister und ich selbst will deine treue Mutter sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir fuehrte in der Stunde der hoechsten Not, soll meine beste Zierde werden; denn er wird mich immer an dich und deinen Edelmut erinnern.”
So sprach die Graefin und hielt Wort. Sie unterstuetzte den gluecklichen Felix auf seinen Wanderungen reichlich. Als er zurueckkam als ein geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in Nuernberg ein Haus, richtete es vollstaendig ein, und ein nicht geringer Schmuck in seinem besten Zimmer waren schoen gemalte Bilder, welche die Szenen in der Waldschenke und Felix' Leben unter den Raeubern vorstellten.
Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter; der Ruhm seiner Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche. Viele Fremde, wenn sie durch die schoene Stadt Nuernberg kamen, liessen sich in die Werkstatt des beruehmten Meisters Felix fuehren, um ihn zu sehen, zu bewundern, wohl auch ein schoenes Geschmeide bei ihm zu bestellen. Die angenehmsten Besuche waren ihm aber der Jaeger, der Zirkelschmied, der Student und der Fuhrmann. So oft der letztere von Wuerzburg nach Fuerth fuhr, sprach er bei Felix ein; der Jaeger brachte ihm beinahe alle Jahre Geschenke von der Graefin, der Zirkelschmied aber liess sich, nachdem er in allen Laendern umhergewandert war, bei Meister Felix nieder. Eines Tages besuchte sie auch der Student. Er war indessen ein bedeutender Mann im Staat geworden, schaemte sich aber nicht, bei Meister Felix und dem Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren. Sie erinnerten sich an alle Szenen der Waldschenke; und der ehemalige Student erzaehlte, er habe den Raeuberhauptmann in Italien wiedergesehen; er habe sich gaenzlich gebessert und diene als braver Soldat dem Koenig von Neapel.
Felix freute sich, als er dies hoerte. Ohne diesen Mann waere er zwar vielleicht nicht in jene gefaehrliche Lage gekommen, aber ohne ihn haette er sich auch nicht aus Raeuberhand befreien koennen. Und so geschah es, dass der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zurueckdachte an das Wirtshaus im Spessart.
Wilhelm Hauff
In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einst die stattlichste der Gegend war, Hohenzollern. Sie erhebt sich auf einem runden, steilen Berg, und von ihrer schroffen Hoehe sieht man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man diese Burg im Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der Zollern gefuerchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutschen Landen. Nun lebte vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das Schiesspulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war. Man konnte nicht sagen, dass er seine Untertanen hart gedrueckt oder mit seinen Nachbarn in Fehde gelebt haette, aber dennoch traute ihm niemand ueber den Weg ob seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und seinem einsilbigen, muerrischen Wesen. Es gab wenige Leute ausser dem Schlossgesinde, die ihn je hatten ordentlich sprechen hoeren wie andere Menschen, denn wenn er durch das Tal ritt, einer ihm begegnete und schnell die Muetze abnahm, sich hinstellte und sagte: “Guten Abend, Herr Graf, heute ist es schoen Wetter", so antwortete er “dummes Zeug", oder “weiss schon”. Hatte aber einer etwas nicht recht gemacht fuer ihn oder seine Rosse, begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, dass er auf seinem Rappen nicht schnell genug vorueberkommen konnte, so entlud sich sein Ingrimm in einem Donner von Fluechen; doch hat man nie gehoert, dass er bei solchen Gelegenheiten einen Bauern geschlagen haette. In der Gegend aber hiess man ihn “das boese Wetter von Zollern”.
“Das boese Wetter von Zollern” hatte eine Frau, die der Widerpart von ihm und so mild und freundlich war wie ein Maitag. Oft hatte sie Leute, die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch freundliche Worte und ihre guetigen Blicke wieder mit ihm ausgesoehnt; den Armen aber tat sie Gutes, wo sie konnte, und liess es sich nicht verdriessen, sogar im heissen Sommer oder im schrecklichsten Schneegestoeber den steilen Berg herabzugehen, um arme Leute oder kranke Kinder zu besuchen. Begegnete ihr auf solchen Wegen der Graf, so sagte er muerrisch: “Weiss schon, dummes Zeug”.
Manch andere Frau haette dieses muerrische Wesen abgeschreckt oder eingeschuechtert; die eine haette gedacht, was gehen mich die armen Leute an, wenn mein Herr sie fuer dummes Zeug haelt; die andere haette vielleicht aus Stolz oder Unmut die Liebe gegen einen so muerrischen Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern. Die liebte ihn nach wie vor, suchte mit ihrer schoenen weissen Hand die Falten von seiner braunen Stirn zu streichen und liebte und ehrte ihn; als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Graeflein zum Angebinde bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie ihrem Soehnlein dennoch alle Pflichten einer zaertlichen Mutter erzeigte. Drei Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern sah seinen Sohn nur alle Sonntage nach Tische, wo er ihm von der Amme dargereicht wurde. Er blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart und gab ihn der Amme zurueck. Als jedoch der Kleine “Vater" sagen konnte, schenkte der Graf der Amme einen Gulden—dem Kinde machte er kein froehlicher Gesicht.
An seinem dritten Geburtstag aber liess der Graf seinem Sohn die ersten Hoeslein anziehen und kleidete ihn praechtig in Samt und Seide; dann befahl er, seinen Rappen und ein anderes schoenes Pferd vorzufahren, nahm den Kleinen auf den Arm und fing an, mit klirrenden Sporen die Wendeltreppe hinabzusteigen. Frau Hedwig erstaunte, als sie dies sah. Sie war sonst gewohnt, nicht zu fragen, wo aus und wann heim, wenn er ausritt; aber diesmal oeffnete die Sorge um ihr Kind ihre Lippen. “Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf?” sprach sie.—Er gab keine Antwort. “Wozu denn den Kleinen?” fragte sie weiter. “Kuno wird mit mir spazierengehen.”
“Weiss schon", entgegnete das boese Wetter von Zollern und ging weiter; und als er im Hof stand, nahm er den Knaben bei einem Fuesslein, hob ihn schnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch fest, schwang sich selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus, indem er den Zuegel vom Rosse seines Soehnleins in die Hand nahm.
Dem Kleinen schien es anfangs grosses Vergnuegen zu gewaehren, mit dem Vater den Berg hinabzureiten. Er klopfte in die Haende, er lachte und schuettelte sein Roesslein an den Maehnen, damit es schneller laufen sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal: “Kannst ein wackerer Bursche werden!”
Als sie aber in die Ebene angekommen waren und der Graf statt Schritt Trab anschlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs ganz bescheiden, sein Vater moechte langsamer reiten, als es aber immer schneller ging und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den Atem nahm, da fing er an, still zu weinen, wurde immer ungeduldiger und schrie am Ende aus Leibeskraeften.
“Weiss schon, dummes Zeug!” fing jetzt sein Vater an. “Heult der Junge beim ersten Ritt; schweig oder—” Doch den Augenblick, als er mit einem Fluche sein Soehnlein aufmuntern wollte, baeumte sich sein Ross; der Zuegel des andern entfiel seiner Hand, er arbeitete sich ab, Meister seines Tieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht hatte und sich aengstlich nach seinem Kind umsah, erblickte er dessen Pferd, wie es ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief.
So ein harter, finsterer Mann der Graf von Zollern sonst war, so ueberwand doch dieser Anblick sein Herz; er glaubte nicht anders, als sein Kind liege zerschmettert am Weg; er raufte sich den Bart und jammerte. Aber nirgends, so weit er zurueckritt, sah er eine Spur von dem Knaben; schon stellte er sich vor, das scheu gewordene Ross habe ihn in einen Wassergraben geschleudert, der neben dem Wege lag. Da hoerte er von einer Kinderstimme hinter sich seinen Namen rufen, und als er sich flugs umwandte—sieh, da sass ein altes Weib unweit der Strasse unter einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knien.
“Wie kommst du zu dem Knaben, alte Hexe?” schrie der Graf in grossem Zorn, “sogleich bringe ihn heran zu mir!”
“Nicht so rasch, nicht so rasch, Euer Gnaden!” lachte die alte, haessliche Frau. “Koenntet sonst auch ein Unglueck nehmen auf Eurem stolzen Ross! Wie ich zu dem Junkerlein kam, fraget Ihr? Nun, sein Pferd ging durch, und er hing nur noch mit einem Fuesschen angebunden, und das Haar streifte fast am Boden; da habe ich ihn aufgefangen in meiner Schuerze.”
“Weiss schon!” rief der Herr von Zollern unmutig, “gib ihn jetzt her; ich kann nicht wohl absteigen; das Ross ist wild und koennte ihn schlagen.”
“Schenket mir einen Hirschgulden!” erwiderte die Frau, demuetig bittend.
“Dummes Zeug!” schrie der Graf und warf ihr einige Pfennige unter den Baum.
“Nein, einen Hirschgulden koennte ich gut brauchen", fuhr sie fort.
“Was, Hirschgulden! Bist selbst keinen Hirschgulden wert", eiferte der Graf. “Schnell das Kind her, oder ich hetze die Hunde auf dich!”
“So? Bin ich keinen Hirschgulden wert", antwortete jene mit hoehnischem Laecheln, “na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe einen Hirschgulden wert ist; aber da, die Pfennige behaltet fuer Euch!” Indem sie dies sagte, warf sie die drei kleinen Kupferstuecke dem Grafen zu, und so gut konnte die Alte werfen, dass alle drei ganz gerade in den kleinen Lederbeutel fielen, den der Graf noch in der Hand hielt.
Der Graf wusste einige Minuten vor Staunen ueber diese wunderbare Geschicklichkeit kein Wort hervorzubringen; endlich aber loeste sich sein Staunen in Wut auf. Er fasste seine Buechse, spannte den Hahn und zielte dann auf die Alte. Diese herzte und kuesste ganz ruhig den kleinen Grafen, indem sie ihn so vor sich hin hielt, dass ihn die Kugel zuerst haette treffen muessen. “Bist ein guter, frommer Junge", sprach sie, “bleibe nur so, und es wird dir nicht fehlen.” Dann liess sie ihn los, draeute dem Grafen mit dem Finger: “Zollern, Zollern, den Hirschgulden bleibt Ihr mir noch schuldig", rief sie und schlich, unbekuemmert um die Schimpfworte des Grafen, an einem Buchsbaumstaebchen in den Wald. Konrad, der Knappe, aber stieg zitternd von seinem Ross, hob das Herrlein in den Sattel, schwang sich hinter ihm auf und ritt seinem Gebieter nach, den Schlossberg hinauf.
Es war dies das erste-und letztemal gewesen, dass das boese Wetter von Zollern sein Soehnlein mitnahm zum Spazierenreiten; denn er hielt ihn, weil er geweint und geschrien, als die Pferde im Trab gingen, fuer einen weichlichen Jungen, aus dem nicht viel Gutes zu machen sei, sah ihn nur mit Unlust an, und so oft der Knabe, der seinen Vater herzlich liebte, schmeichelnd und freundlich zu seinen Knien kam, winkte er ihm, fortzugehen und rief: “Weiss schon, dummes Zeug!” Frau Hedwig hatte alle boesen Launen ihres Gemahls gerne getragen; aber dieses unfreundliche Benehmen gegen das unschuldige Kind kraenkte sie tief; sie erkrankte mehrere Male aus Schrecken, wenn der finstere Graf den Kleinen wegen irgendeines geringen Fehlers hart abgestraft hatte, und starb endlich in ihren besten Jahren, von ihrem Gesinde und der ganzen Umgegend, am schmerzlichsten aber von ihrem Sohn, beweint.
Von jetzt an wandte sich der Sinn des Grafen nur noch mehr von dem Kleinen ab; er gab ihn seiner Amme und dem Hauskaplan zur Erziehung und sah nicht viel nach ihm um, besonders, da er bald darauf wieder ein reiches Fraeulein heiratete, die ihm nach Jahresfrist Zwillinge, zwei junge Graeflein, schenkte.
Kunos liebster Spaziergang war zu dem alten Weiblein, die ihm einst das Leben gerettet hatte. Sie erzaehlte ihm immer vieles von seiner verstorbenen Mutter, und wieviel Gutes diese an ihr getan habe. Die Knechte und Maegde warnten ihn oft, er solle nicht soviel zu der Frau Feldheimerin, so hiess die Alte, gehen, weil sie nichts mehr und nichts weniger als eine Hexe sei, aber der Kleine fuerchtete sich nicht, denn der Schlosskaplan hatte ihn gelehrt, dass es keine Hexen gebe, und dass die Sage, dass gewisse Frauen zaubern koennen und auf der Ofengabel durch die Luft und auf den Brocken reiten, erlogen sei. Zwar sah er bei der Frau Feldheimerin allerlei Dinge, die er nicht begreifen konnte; des Kunststueckchens mit den drei Pfennigen, die sie seinem Vater so geschickt in den Beutel geworfen, erinnerte er sich noch ganz wohl, auch konnte sie allerhand kuenstliche Salben und Traenklein bereiten, womit sie Menschen und Vieh heilte, aber das war nicht wahr, was man ihr nachsagte, dass sie eine Wetterpfanne habe, und wenn sie diese ueber das Feuer haenge, komme ein schreckliches Donnerwetter. Sie lehrte den kleinen Grafen mancherlei, was ihm nuetzlich war, zum Beispiel allerlei Mittel fuer kranke Pferde, einen Trank gegen die Hundswut, eine Lockspeise fuer Fische und viele andere nuetzliche Sachen. Die Frau Feldheimerin war auch bald seine einzige Gesellschaft, denn seine Amme starb, und seine Stiefmutter kuemmerte sich nicht um ihn.
Als seine Brueder nach und nach heranwuchsen, hatte Kuno ein noch traurigeres Leben als zuvor, sie hatten das Glueck, beim ersten Ritt nicht vom Pferd zu stuerzen, und das boese Wetter von Zollern hielt sie daher fuer ganz vernuenftige und taugliche Jungen, liebte sie ausschliesslich, ritt alle Tage mit ihnen aus und lehrte sie alles, was er selbst verstand. Da lernten sie aber nicht viel Gutes; Lesen und Schreiben konnte er selbst nicht, und seine beiden trefflichen Soehne sollten sich auch nicht die Zeit damit verderben; aber schon in ihrem zehnten Jahre konnten sie so graesslich fluchen wie ihr Vater, fingen mit jedem Haendel an, vertrugen sich unter sich selbst so schlecht wie ein Hund und Kater, und nur wenn sie gegen Kuno einen Streich verueben wollten, verbanden sie sich und wurden Freunde.
Ihrer Mutter machte dies nicht viel Kummer; denn sie hielt es fuer gesund und kraeftig, wenn sich die Jungen balgten, aber dem alten Grafen sagte es eines Tags ein Diener, und der antwortete zwar: “Weiss schon, dummes Zeug!”, nahm sich aber dennoch vor, fuer die Zukunft auf ein Mittel zu sinnen, dass sich seine Soehne nicht gegenseitig totschlugen; denn die Drohung der Frau Feldheimerin, die er in seinem Herzen fuer eine ausgemachte Hexe hielt: “Na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe einen Hirschgulden wert ist”—lag ihm noch immer in seinem Sinn.
Eines Tages, da er in der Umgegend seines Schlosses jagte, fielen ihm zwei Berge ins Auge, die ihrer Form wegen wie zu Schloessern geschaffen schienen, und sogleich beschloss er auch, dort zu bauen. Er baute auf dem einen das Schloss Schalksberg, das er nach dem kleinern der Zwillinge so nannte, weil dieser wegen allerlei boeser Streiche laengst von ihm den Namen “kleiner Schalk” erhalten hatte, das andere Schloss, das er baute, wollte er anfaenglich Hirschguldenberg nennen, um die Hexe zu verhoehnen, weil sie sein Erbe nicht einmal eines Hirschguldens wert achtete; er liess es aber bei dem einfacheren Hirschberg bewenden, und so heissen die beiden Berge noch bis auf den heutigen Tag, und wer die Alb bereist, kann sie sich zeigen lassen.
Das boese Wetter von Zollern hatte anfaenglich im Sinn, seinem aeltesten Sohn Zollern, dem kleinen Schalk Schalksberg und dem andern Hirschberg im Testament zu vermachen; aber seine Frau ruhte nicht eher, bis er es aenderte. “Der dumme Kuno", so nannte diese den armen Knaben, weil er nicht so wild und ausgelassen war wie ihre Soehne, “der dumme Kuno ist ohnedies reich genug durch das, was er von seiner Mutter erbte, und er soll auch noch das schoene, reiche Zollern haben? Und meine Soehne sollen nichts bekommen als jeder eine Burg, zu welcher nichts gehoert als Wald?”
Vergebens stellte ihr der Graf vor, dass man Kuno billigerweise das Erstgeburtsrecht nicht rauben duerfe, sie weinte und zankte so lange, bis das boese Wetter, das sonst niemand sich fuegte, des lieben Friedens willen nachgab und im Testament dem kleinen Schalk Schalksberg, Wolf, dem groesseren Zwillingsbruder, Zollern, und Kuno Hirschberg mit dem Staedtchen Balingen verschrieb.
Bald darauf, nachdem er also verfuegt hatte, fiel er auch in eine schwere Krankheit. Zu dem Arzt, der ihm sagte, dass er sterben muesse, sagte er: “Ich weiss schon", und dem Schlosskaplan, der ihn ermahnte, sich zu einem frommen Ende vorzubereiten, antwortete er: “Dummes Zeug", und er fluchte und raste fort und starb, wie er gelebt hatte, roh und als ein grosser Suender.
Aber sein Leichnam war noch nicht beigesetzt, so kam die Frau Graefin schon mit dem Testament herbei, sagte zu Kuno, ihrem Stiefsohn, spoettisch, er moechte jetzt seine Gelehrsamkeit beweisen und selbst nachlesen, was im Testament stehe, naemlich, dass er in Zollern nichts mehr zu tun habe, und freute sich mit ihren Soehnen ueber das schoene Vermoegen und die beiden Schloesser, die sie ihm, dem Erstgeborenen, entrissen hatten.
Kuno fuegte sich ohne Murren in den Willen des Verstorbenen, aber mit Traenen nahm er Abschied von der Burg, wo er geboren worden, wo seine gute Mutter begraben lag und wo der gute Schlosskaplan und nahe dabei seine einzige alte Freundin, Frau Feldheimerin, wohnte. Das Schloss Hirschberg war zwar ein schoenes, stattliches Gebaeude, aber es war ihm doch zu einsam und oede, und er waere bald krank vor Sehnsucht nach Hohenzollern geworden.
Die Graefin und die Zwillingsbrueder, die jetzt achtzehn Jahre alt waren, sassen eines Abends auf dem Soeller und schauten den Schlossberg hinab; da gewahrten sie einen stattlichen Ritter, der zu Pferde heraufritt und dem eine prachtvolle Saenfte, von zwei Maultieren getragen, und mehrere Knechte folgten. Sie rieten lange hin und her, wer es wohl sein moechte; da rief endlich der kleine Schalk: “Ei, das ist niemand anders als unser Herr Bruder von Hirschberg.”
“Der dumme Kuno?” sprach die Frau Graefin verwundert. “Ei, der wird uns die Ehre antun, uns zu sich einzuladen, und die schoene Saenfte hat er fuer mich mitgebracht, um mich abzuholen nach Hirschberg; nein, soviel Guete und Lebensart haette ich meinem Herrn Sohn, dem dummen Kuno, nicht zugetraut; eine Hoeflichkeit ist der andern wert, lasset uns hinabsteigen an das Schlosstor, ihn zu empfangen; macht auch freundliche Gesichter, vielleicht schenkt er uns in Hirschberg etwas, dir ein Pferd und dir einen Harnisch, und den Schmuck seiner Mutter haette ich schon lange gerne gehabt.”
“Geschenkt mag ich nichts von dem dummen Kuno", antwortete Wolf, “und ein gutes Gesicht mach' ich ihm auch nicht. Aber unserem seligen Herrn Vater koennte er meinetwegen bald folgen, dann wuerden wir Hirschberg erben und alles, und Euch, Frau Mutter, wollten wir den Schmuck um billigen Preis ablassen.”
“So, du Range!” eiferte die Mutter, “abkaufen soll ich euch den Schmuck? Ist das der Dank dafuer, dass ich euch Zollern verschafft habe? Kleiner Schalk, nicht wahr, ich soll den Schmuck umsonst haben?”
“Umsonst ist der Tod, Frau Mutter!” erwiderte der Sohn lachend, “und wenn es wahr ist, dass der Schmuck soviel wert ist als manches Schloss, so werden wir wohl nicht die Toren sein, ihn Euch um den Hals zu haengen. Sobald Kuno die Augen schliesst, reiten wir hinunter, teilen ab, und meinen Part am Schmuck verkaufe ich. Gebt Ihr dann mehr als der Jude, Frau Mutter, so sollt Ihr ihn haben.”
Sie waren unter diesem Gespraech bis unter das Schlosstor gekommen, und mit Muehe zwang sich die Frau Graefin, ihren Grimm ueber den Schmuck zu unterdruecken, denn soeben ritt Graf Kuno ueber die Zugbruecke. Als er seiner Stiefmutter und seiner Brueder ansichtig wurde, hielt er sein Pferd an, stieg ab und gruesste sie hoeflich. Denn obgleich sie ihm viel Leids angetan, bedachte er doch, dass es seine Brueder seien und dass diese boese Frau sein Vater geliebt hatte.
“Ei, das ist ja schoen, dass der Herr Sohn uns auch besucht", sagte die Frau Graefin mit suesser Stimme und huldreichem Laecheln. “Wie geht es denn auf Hirschberg? Kann man sich dort eingewoehnen? Und gar eine Saenfte hat man sich angeschafft? Ei, und wie praechtig, es duerfte sich keine Kaiserin daran schaemen; nun wird wohl auch die Hausfrau nicht mehr lange fehlen, dass sie darin im Lande umherreist.”
“Habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, gnaedige Frau Mutter", erwiderte Kuno, “will mir deswegen andere Gesellschaft zur Unterhaltung ins Haus nehmen und bin deswegen mit der Saenfte hierhergereist.”
“Ei, Ihr seid gar guetig und besorgt", unterbrach ihn die Dame, indem sie sich verneigte und laechelte.
“Denn er kommt doch nicht mehr gut zu Pferde fort", sprach Kuno ganz ruhig weiter, “der Pater Joseph naemlich, der Schlosskaplan. Ich will ihn zu mir nehmen, er ist mein alter Lehrer, und wir haben es so abgemacht, als ich Zollern verliess. Will auch unten am Berg die alte Frau Feldheimerin mitnehmen. Lieber Gott! Sie ist jetzt steinalt und hat mir einst das Leben gerettet, als ich zum erstenmal ausritt mit meinem seligen Vater; habe ja Zimmer genug in Hirschberg, und dort soll sie absterben.” Er sprach es und ging durch den Hof, um den Pater Schlosskaplan zu holen.
Aber der Junker Wolf biss vor Grimm die Lippen zusammen, die Frau Graefin wurde gelb vor Aerger, und der “kleine Schalk” lachte laut auf. “Was gebt Ihr fuer meinen Gaul, den ich von ihm geschenkt kriege?” sagte er. “Bruder Wolf, gib mir deinen Harnisch, den er dir gegeben, dafuer. Ha! ha! ha! Den Pater und die alte Hexe will er zu sich nehmen? Das ist ein schoenes Paar, da kann er nun vormittags Griechisch lernen beim Kaplan und nachmittags Unterricht im Hexen nehmen bei der Frau Feldheimerin. Ei, was macht doch der dumme Kuno fuer Streiche.”
“Er ist ein ganz gemeiner Mensch!” erwiderte die Frau Graefin, “und du solltest nicht darueber lachen, kleiner Schalk; das ist eine Schande fuer die ganze Familie, und man muss sich ja schaemen vor der ganzen Umgegend, wenn es heisst, der Graf von Zollern hat die alte Hexe, die Feldheimerin, abgeholt in einer prachtvollen Saenfte und Maulesel dabei und laesst sie bei sich wohnen. Das hat er von seiner Mutter, die war auch immer so gemein mit Kranken und schlechtem Gesindel; ach, sein Vater wuerde sich im Sarg wenden, wuesste er es.”
“Ja", setzte der kleine Schalk hinzu, “der Vater wuerde noch in der Gruft sagen: “Weiss schon, dummes Zeug”.”
“Wahrhaftig! Da kommt er mit dem alten Mann und schaemt sich nicht, ihn selbst unter dem Arm zu fahren", rief die Frau Graefin mit Entsetzen, “kommt, ich will ihm nicht mehr begegnen.”
Sie entfernten sich, und Kuno geleitete seinen alten Lehrer bis an die Bruecke und half ihm selbst in die Saenfte; unten aber am Berg hielt er vor der Huette der Frau Feldheimerin und fand sie schon fertig, mit einem Buendel voller Glaeschen und Toepfchen und Traenklein und anderem Geraete nebst ihrem Buchsbaumstoecklein, einzusteigen.
Es kam uebrigens nicht also, wie die Frau Graefin von Zollern in ihrem boesen Sinn hatte voraussehen wollen. In der ganzen Umgegend wunderte man sich nicht ueber Ritter Kuno. Man fand es schoen und loeblich, dass er die letzten Tage der alten Frau Feldheimerin aufheitern wollte, man pries ihn als einen frommen Herrn, weil er den alten Pater Joseph in sein Schloss aufgenommen hatte. Die einzigen, die ihm gram waren und auf ihn schmaehten, waren seine Brueder und die Graefin; aber nur zu ihrem eigenen Schaden, denn man nahm allgemein ein Aergernis an so unnatuerlichen Bruedern, und zur Wiedervergeltung ging die Sage, dass sie mit ihrer Mutter schlecht und in bestaendigem Hader leben und unter sich selbst sich alles moegliche zuleide tun. Graf Kuno von Zollern-Hirschberg machte mehrere Versuche, seine Brueder mit sich auszusoehnen, denn es war ihm unertraeglich, wenn sie oft an seiner Feste vorbeiritten, aber nie einsprachen, wenn sie ihm in Wald und Feld begegneten und ihn kaelter begruessten als einen Landfremden. Aber seine Versuche schlugen meist fehl, und er wurde noch ueberdies von ihnen verhoehnt. Eines Tages fiel ihm noch ein Mittel ein, wie er vielleicht ihre Herzen gewinnen koennte, denn er wusste, sie waren geizig und habgierig. Es lag ein Teich zwischen den drei Schloessern, beinahe in der Mitte, jedoch so, dass er noch in Kunos Revier gehoerte. In diesem Teich befanden sich aber die besten Hechte und Karpfen der ganzen Umgegend, und es war fuer die Brueder, die gerne fischten, ein nicht geringer Verdruss, dass ihr Vater vergessen hatte, den Teich auf ihr Teil zu schreiben. Sie waren zu stolz, um ohne Vorwissen ihres Bruders dort zu fischen, und doch mochten sie ihm auch kein gutes Wort geben, dass er es ihnen erlauben moechte. Nun kannte er aber seine Brueder, dass ihnen der Teich am Herzen liege; er lud sie daher eines Tages ein, mit ihm dort zusammenzukommen.
Es war ein schoener Fruehlingsmorgen, als beinahe in demselben Augenblick die drei Brueder von den drei Burgen dort zusammenkamen. “Ei, sieh da!” rief der kleine Schalk, “das trifft sich ordentlich! Ich bin mit Schlag sieben Uhr von Schalksberg weggeritten.”
“Ich auch—und ich”—antworteten die Brueder vom Hirschberg und vom Zollern.
“Nun, da muss der Teich hier gerade in der Mitte liegen", fuhr der Kleine fort. “Es ist ein schoenes Wasser.”
“Ja, und eben darum habe ich euch hierher beschieden. Ich weiss, ihr seid beide grosse Freunde vom Fischen, und ob ich gleich auch zuweilen gerne die Angel auswerfe, so hat doch der Weiher Fische genug fuer drei Schloesser, und an seinen Ufern ist Platz genug fuer drei, selbst wenn wir alle auf einmal zu angeln kaemen. Darum will ich von heute an, dass dieses Wasser Gemeingut fuer uns sei, und jeder von euch soll gleiche Rechte daran haben wie ich.”
“Ei, der Herr Bruder ist ja gewaltig gnaedig gesinnt", sprach der kleine Schalk mit hoehnischem Laecheln, “gibt uns wahrhaftig sechs Morgen Wasser und ein paar hundert Fischlein! Nu und was werden wir dagegen geben muessen? Denn umsonst ist der Tod!”
“Umsonst sollt ihr ihn haben", sagte Kuno. “Ach, ich moechte euch ja nur zuweilen an diesem Teich sehen und sprechen! Sind wir doch eines Vaters Soehne.”
“Nein!” erwiderte der vom Schalksberg, “das ginge schon nicht, denn es ist nichts Einfaeltigeres, als in Gesellschaft zu fischen, es verjagt immer einer dem andern die Fische. Wollen wir aber Tage ausmachen, etwa Montag und Donnerstag du, Kuno, Dienstag und Freitag Wolf, Mittwoch und Sonnabend ich—so ist es mir ganz recht.”
“Mir nicht einmal dann", rief der finstere Wolf. “Geschenkt will ich nichts haben und will auch mit niemand teilen; du hast recht, Kuno, dass du uns den Weiher anbietest; denn wir haben eigentlich alle drei gleichen Anteil daran, aber lasset uns darum wuerfeln, wer ihn in Zukunft besitzen soll; werde ich gluecklicher sein als ihr, so koennt ihr immer bei mir anfragen, ob ihr fischen duerfet.”
“Ich wuerfle nie", entgegnete Kuno, traurig ueber die Verstocktheit seiner Brueder.
“Ja, freilich", lachte der kleine Schalk, “er ist ja gar fromm und gottesfuerchtig, der Herr Bruder, und haelt das Wuerfelspiel fuer eine Todsuende; aber ich will euch was anders vorschlagen, woran sich der froemmste Klausner nicht schaemen duerfte. Wir wollen uns Angelschnuere und Haken holen; und wer diesen Morgen, bis die Glocke in Zollern zwoelf Uhr schlaegt, die meisten Fische angelt, soll den Weiher eigen haben.”
“Ich bin eigentlich ein Tor", sagte Kuno, “um das noch zu kaempfen, was mir mit Recht als Erbe zugehoert; aber damit ihr sehet, dass es mir mit der Teilung ernst war, will ich mein Fischgeraete holen.”
Sie ritten heim, jeder nach seinem Schloss. Die Zwillinge schickten in aller Eile ihre Diener aus, liessen alle alten Steine aufheben, um Wuermer zur Lockspeise fuer die Fische im Teich zu finden; Kuno aber nahm sein gewoehnliches Angelzeug und die Speise, die ihn einst Frau Feldheimerin zubereiten gelehrt, und war der erste, der wieder auf dem Platz erschien. Er liess, als die beiden Zwillinge kamen, diese die besten und bequemsten Stellen auswaehlen und warf dann selbst eine Angel aus. Da war es, als ob die Fische in ihm den Herrn des Teiches erkannt haetten. Ganze Zuege von Karpfen und Hechten zogen heran und wimmelten um seine Angel; die aeltesten und groessten draengten die kleinen weg, jeden Augenblick zog er einen heraus, und wenn er die Angel wieder ins Wasser warf, sperrten schon zwanzig, dreissig Maeuler auf, um an den spitzigen Haken anzubeissen. Es hatte noch nicht zwei Stunden gedauert, so lag der Boden um ihn her voll der schoensten Fische. Da hoerte er auf zu fischen und ging zu seinen Bruedern, um zu sehen, was fuer Geschaefte sie machten. Der kleine Schalk hatte einen kleinen Karpfen und zwei elende Weissfische, Wolf drei Barben und zwei kleine Gruendlinge, und beide schauten truebselig in den Teich; denn sie konnten die ungeheure Menge, die Kuno gefangen, gar wohl von ihrem Platze aus bemerken. Als Kuno an seinen Bruder Wolf herankam, sprang dieser halbwuetend auf, zerriss die Angelschnur, brach die Rute in Stuecke und warf sie in den Teich. “Ich wollte, es waeren tausend Haken, die ich hineinwerfe, statt des einen, und an jedem muesste eine von diesen Kreaturen zappeln", rief er; “aber mit rechten Dingen geht es nimmer zu, es ist ein Zauberspiel und Hexenwerk. Wie solltest du denn, dummer Kuno, mehr Fische fangen in einer Stunde als ich in einem Jahr?”
“Ja, ja, jetzt erinnere ich mich", fuhr der kleine Schalk fort, “bei der Frau Feldheimerin, bei der schnoeden Hexe, hat er das Fischen gelernt, und wir waren Toren, mit ihm zu fischen, er wird doch bald Hexenmeister werden.”
“Ihr schlechten Menschen!” entgegnete Kuno unmutig. “Diesen Morgen habe ich hinlaenglich Zeit gehabt, euren Geiz, eure Unverschaemtheit und eure Roheit einzusehen. Gehet jetzt und kommet nie wieder hierher und glaubet mir, es waer fuer eure Seelen besser, wenn ihr nur halb so fromm und gut waeret als jene Frau, die ihr eine Hexe scheltet.”
“Nein, eine eigentliche Hexe ist sie nicht!” sagte der Schalk, spoettisch lachend. “Solche Weiber koennen wahrsagen, aber Frau Feldheimerin ist so wenig eine Wahrsagerin, als eine Gans ein Schwan werden kann; hat sie doch dem Vater gesagt: Von seinem Erbe werde man einen guten Teil um einen Hirschgulden kaufen koennen, das heisst, er werde ganz verlumpen, und doch hat bei seinem Tod alles ihm gehoert, so weit man von der Zinne von Zollern sehen kann! Geh, geh, Frau Feldheimerin ist nichts als ein toerichtes altes Weib, und du—der dumme Kuno.”
Nach diesen Worten entfernte sich der Kleine eilig, denn er fuerchtete den starken Arm seines Bruders, und Wolf folgte ihm, indem er alle Flueche hersagte, die er von seinem Vater gelernt hatte.
In tiefster Seele betruebt, ging Kuno nach Hause, denn er sah jetzt deutlich, dass seine Brueder nie mehr mit ihm sich vertragen wollten. Er nahm sich auch ihre harten Worte so sehr zu Herzen, dass er des andern Tages sehr krank wurde, und nur der Trost des wuerdigen Pater Joseph und die kraeftigen Traenklein der Frau Feldheimerin retteten ihn vom Tode.
Als aber seine Brueder erfuhren, dass ihr Bruder Kuno schwer daniederliegen hielten sie ein froehliches Bankett, und im Weinmut sagten sie sich zu, wenn der dumme Kuno sterbe, so solle der, welcher es zuerst erfahre, alle Kanonen loesen, um es dem andern anzuzeigen, und wer zuerst kanoniere, solle das beste Fass Wein aus Kunos Keller vorwegnehmen duerfen. Wolf liess nun von da an immer einen Diener in der Naehe von Hirschberg Wache halten, und der kleine Schalk bestach sogar einen Diener Kunos mit vielem Geld, damit er es ihm schnell anzeige, wenn sein Herr in den letzten Zuegen liege.
Dieser Knecht aber war seinem milden und frommen Herrn mehr zugetan als dem boesen Grafen von Schalksberg; er fragte also eines Abends Frau Feldheimerin teilnehmend nach dem Befinden seines Herrn, und als diese sagte, dass es ganz gut mit ihm stehe, erzaehlte er ihr den Anschlag der beiden Brueder und dass sie Freudenschuesse tun wollten auf des Grafen Kunos Tod. Darueber ergrimmte die Alte sehr; sie erzaehlte es flugs wieder dem Grafen, und als dieser an eine so grosse Lieblosigkeit seiner Brueder nicht glauben wollte, so riet sie ihm, er solle die Probe machen und aussprengen lassen, er sei tot, so werde man bald hoeren, ob sie kanonieren, ob nicht. Der Graf liess den Diener, den sein Bruder bestochen, vor sich kommen, befragte ihn nochmals und befahl ihm, nach Schalksberg zu reiten und sein nahes Ende zu verkuenden.
Als nun der