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Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

Johanna Spyri



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  • Reisezurustungen
  • Ein Gast auf der Alm
  • Eine Vergeltung
  • Der Winter im Dorfli
  • Der Winter dauert fort
  • Die fernen Freunde regen sich
  • Wie es auf der Alp weitergeht
  • Es geschieht, was keiner erwartet hat
  • Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

  • Produced by Gunther Olesch

    This text has been derived from HTML files at “Projekt Gutenberg—DE"
    (http://www.gutenberg2000.de/spyri/heidi2/heidi2.htm), prepared by
    Gerd Bouillon.

    Johanna Spyri

    Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

    Inhalt

    Reisezurustungen

    Ein Gast auf der Alm

    Eine Vergeltung

    Der Winter im Dorfli

    Der Winter dauert fort

    Die fernen Freunde regen sich

    Wie es auf der Alp weitergeht

    Es geschieht, was keiner erwartet hat

    Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

    Reisezurustungen

    Der freundliche Herr Doktor, der den Entscheid gegeben hatte, das das Kind Heidi wieder in seine Heimat zuruckgebracht werden sollte, ging eben durch die breite Strase dem Hause Sesemann zu. Es war ein sonniger Septembermorgen, so licht und lieblich, das man hatte denken konnen, alle Menschen musten sich daruber freuen. Aber der Herr Doktor schaute auf die weisen Steine zu seinen Fusen, so das er den blauen Himmel uber sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine Traurigkeit auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine Haare waren viel grauer geworden seit dem Fruhjahr. Der Doktor hatte eine einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammen gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm das bluhende Madchen durch den Tod entrissen worden. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so recht frohlich, wie er vorher fast immer gewesen war.

    Auf den Zug an der Hausglocke offnete Sebastian mit groser Zuvorkommenheit die Eingangstur und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners; denn der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und dessen Tochterchen, durch seine Freundlichkeit hatte er sich, wie uberall, die samtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.

    “Alles beim alten, Sebastian?” fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian, der nicht aufhorte, allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen, obschon der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er kehrte dem Nachfolgenden den Rucken.

    “Gut, das du kommst, Doktor", rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen. “Wir mussen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen, ich mus von dir horen, ob du unter allen Umstanden bei deinem Ausspruche bleibst, auch nachdem nun bei Klarchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist.”

    “Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor?” entgegnete der Angekommene, indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. “Ich mochte wirklich wunschen, das deine Mutter hier ware; mit der wird alles gleich klar und einfach und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden. Du lassest mich heute zum dritten Male zu dir kommen, damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage.—

    “Ja, du hast recht, die Sache mus dich ungeduldig machen, aber du must doch begreifen, lieber Freund”—und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf die Schulter seines Freundes—, “es wird mir gar zu schwer, dem Kinde zu versagen, was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen, immer in der Hoffnung, das die Schweizerreise nahe sei und das es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen konne; und nun soll ich dem guten Kinde, das ja sonst schon so vieles entbehren mus, die langgenahrte Hoffnung mit einemmal wieder durchstreichen—das ist mir fast nicht moglich.”

    “Sesemann, das mus sein", sagte sehr bestimmt der Herr Doktor, und als sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen dasas, fuhr er nach einer Weile fort: “Bedenke doch, wie die Sache steht. Klara hat seit Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war. Von einer so grosen Reise kann keine Rede sein, ohne das wir die schlimmsten Folgen zu befurchten hatten. Dazu sind wir nun in den September eingetreten, da kann es ja noch schon sein oben auf der Alp, es kann aber auch schon sehr kuhl werden. Die Tage sind nicht mehr lang, und oben bleiben und da die Nachte zubringen kann Klara doch nun gar nicht. So hatte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der Weg von Bad Ragaz dort hinauf mus ja schon mehrere Stunden dauern, denn zur Alp hinauf mus sie entschieden im Sessel getragen werden. Kurz, Sesemann, es kann nicht sein! Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden, sie ist ja ein vernunftiges Madchen, ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine langere Badekur unternommen werden, so lange, bis es hubsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden, da wird sie diese Bergpartien erfrischt und gestarkt, wie sie dann sein wird, ganz anders geniesen, als es jetzt geschahe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch eine leise Hoffnung fur den Zustand deines Kindes aufrechterhalten wollen, so haben wir die auserste Schonung und die sorgfaltigste Behandlung zu beobachten.”

    Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger Ergebung zugehort hatte, fuhr jetzt auf einmal empor:

    “Doktor", rief er aus, “sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung auf eine Anderung dieses Zustandes?”

    Der Herr Doktor zuckte die Achseln. “Wenig", sagte er halblaut. “Aber komm, denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du nicht ein liebes Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut, wenn du weg bist? Nie must du in ein verodetes Haus zuruckkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein Kind hat's auch gut daheim. Mus es auch vieles entbehren, was andere geniesen konnen, so ist es in manch anderem auch vor vielen bevorzugt. Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch recht gut, so zusammenzusein; denk an mein einsames Haus!”

    Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit grosen Schritten im Zimmer auf und ab, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine Sache stark beschaftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf die Schulter.

    “Doktor, ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen, du bist ja gar nicht mehr der alte. Du must ein wenig aus dir heraus, und weist du, wie? Du sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser aller Namen.”

    Der Herr Doktor war sehr uberrascht von dem Vorschlage und wollte sich dagegen wehren, aber Herr Sesemann lies ihm keine Zeit. Er war so erfreut und erfullt von seiner neuen Idee, das er den Freund unter den Arm faste und nach dem Zimmer seines Tochterchens hinuberzog. Der gute Herr Doktor war fur die kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung, denn er hatte sie von jeher mit einer grosen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal, wenn er kam, etwas Lustiges und Erheiterndes zu erzahlen gewust. Warum er das jetzt nicht mehr konnte, wuste sie wohl und hatte so gern ihn wieder froh gemacht. Sie streckte ihm gleich die Hand entgegen, und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann ruckte seinen Stuhl auch heran, und indem er Klara bei der Hand faste, fing er an von der Schweizerreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Uber den Hauptpunkt aber, das sie nun unmoglich mehr stattfinden konnte, glitt er eilig hinweg, denn er furchtete sich ein wenig vor den kommenden Tranen. Dann ging er schnell auf den neuen Gedanken uber und machte Klara darauf aufmerksam, wie wohltatig es fur ihren guten Freund ware, wenn er diese Erholungsreise unternehmen wurde.

    Die Tranen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen, wie sehr sich auch Klara Muhe gab, sie niederzudrucken, denn sie wuste, wie ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart, das nun alles aus sein sollte, und den ganzen Sommer hindurch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen, einsamen Stunden, die sie durchlebt hatte. Aber Klara war nicht gewohnt zu markten, sie wuste recht gut, das der Papa ihr nur versagte, was zum Bosen fuhren wurde und darum nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Tranen hinunter und wandte sich nun der einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und streichelte sie und bat flehentlich:

    “O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zum Heidi, und dann kommen Sie, um mir alles zu erzahlen, wie es ist dort oben und was das Heidi macht und der Grosvater und der Peter und die Geisen, ich kenne sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit, was ich dem Heidi schicken will, ich habe schon alles ausgedacht und auch etwas fur die Grosmutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie's doch; ich will auch gewis unterdessen Fischtran nehmen, soviel Sie nur wollen.”

    Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab, kann man nicht wissen, aber es ist anzunehmen, denn der Herr Doktor lachelte und sagte: “Dann mus ich ja wohl gehen, Klarchen, so wirst du uns einmal rund und fest, wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann mus ich denn reisen, hast du das schon bestimmt?”

    “Am liebsten gleich morgen fruh, Herr Doktor", entgegnete Klara.

    “Ja, sie hat recht", fiel hier der Vater ein; “die Sonne scheint, der Himmel ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, fur jeden solchen Tag ist es schade, den du noch nicht auf der Alp geniesen kannst.”

    Der Herr Doktor muste ein wenig lachen: “Nachstens wirst du mir vorwerfen, das ich noch da bin, Sesemann; so mus ich wohl machen, das ich fortkomme.”

    Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst muste sie ihm ja noch alle Auftrage an das Heidi ubergeben und ihm noch so vieles anempfehlen, das er recht betrachten und ihr dann davon erzahlen sollte. Die Sendung an das Heidi konnte ihm erst spater zugeschickt werden, denn Fraulein Rottenmeier muste erst alles verpacken helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt begriffen, von denen sie nicht so schnell zuruckkehrte.

    Der Herr Doktor versprach, alles genau auszurichten, die Reise, wenn nicht am Morgen fruh, so doch womoglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten uber alles, was er gesehen und erlebt haben wurde.

    Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwurdige Gabe, die Dinge zu erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich gehen, lange bevor diese dazu kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette musten diese Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr Doktor, von Sebastian begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette ins Zimmer der Klara ein, die nach dem Madchen geschellt hatte.

    “Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie wir sie zum Kaffee haben, Tinette", sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin, die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfaste das bezeichnete Ding an einer Ecke und lies es verachtlich an ihrer Hand baumeln. Unter der Ture sagte sie schnippisch:

    “Es ist wohl der Muhe wert.”

    Als der Sebastian unten mit gewohnter Hoflichkeit die Ture aufgemacht hatte, sagte er mit einem Buckling:

    “Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch einen Grus vom Sebastian bestellen.”

    “Ah, sieh da, Sebastian", sagte der Herr Doktor freundlich; “so wissen Sie denn auch schon, das ich reise?”

    Sebastian muste ein wenig husten.

    “Ich bin... ich habe... ich weis selbst nicht mehr recht... ach ja, jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufallig durch das Eszimmer gegangen, da habe ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehort, und wie es so geht, man hangt dann so einen Gedanken an den anderen an und so... und in der Weise...”

    “Jawohl, jawohl", lachelte der Herr Doktor, “und je mehr Gedanken einer hat, je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Grus wird bestellt.”

    Jetzt wollte der Herr Doktor gerade durch die offene Haustur enteilen, aber er traf auf ein Hindernis: Der starke Wind hatte Fraulein Rottenmeier verhindert, ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben war sie zuruckgekehrt und wollte ihrerseits durch die offene Tur eintreten. Der Wind hatte ihr weites Tuch, in das sie sich gehullt hatte, aber dergestalt aufgeblaht, das es gerade so anzusehen war, als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich augenblicklich zuruck. Aber gegen diesen Mann hatte Fraulein Rottenmeier von jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch sie wich mit ausgesuchter Hoflichkeit zuruck, und eine Weile standen die beiden mit rucksichtsvoller Gebarde da und machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber kam ein so starker Windstos, das Fraulein Rottenmeier auf einmal mit vollen Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber wurde noch ein gutes Stuck uber ihn hinausgetrieben, so das sie wieder zuruckkehren muste, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begrusen. Der gewalttatige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt, aber der Herr Doktor hatte eine Art und Weise, die ihr gekrauseltes Gemut bald glattete und eine sanfte Stimmung daruber verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der einnehmendsten Weise, ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken, wie nur sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.

    Klara erwartete, das sie erst einige Kampfe mit Fraulein Rottenmeier zu bestehen haben wurde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der Gegenstande geben werde, die Klara fur das Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal hatte sie sich getauscht: Fraulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt. Sogleich raumte sie alles weg, was auf dem grosen Tische lag, um die Dinge alle, die Klara zusammengebracht hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstande, die da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig. Erst kam der kleine dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara fur das Heidi ausgesonnen hatte, damit es im kommenden Winter die Grosmutter besuchen konnte, wann es wollte, und nicht warten muste, bis der Grosvater kommen konnte und es dann in den Sack eingewickelt werden muste, damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes, warmes Tuch fur die alte Grosmutter, damit sie sich darin einhulle und nicht frieren musse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Hutte klappern wurde. Dann kam die grose Schachtel mit den Kuchen; die war auch fur die Grosmutter bestimmt, das sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Brotchen zu essen habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara ursprunglich fur den Peter bestimmt, weil er doch nie etwas anderes als Kase und Brot bekam. Aber sie hatte sich jetzt anders besonnen, denn sie furchtete, der Peter konnte vor Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte diese bekommen und erst fur sich und die Grosmutter einen guten Teil davon nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt kam noch ein Sackchen Tabak; der war fur den Grosvater, der ja so gern ein Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Hutte sas. Zuletzt kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Sackchen, Packchen und Schachtelchen, welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt hatte, denn da sollte das Heidi allerhand Uberraschungen finden, die ihm grose Freude machen wurden. Endlich war das Werk beendet, und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Fraulein Rottenmeier schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen uber die Kunst zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin, denn sie sah das Heidi vor sich, wie es vor Uberraschung in die Hohe springen und aufjauchzen wurde, wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte.

    Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf seine Schulter, um ihn unverzuglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu spedieren.

    Ein Gast auf der Alm

    Das Fruhrot gluhte uber den Bergen, und ein frischer Morgenwind rauschte durch die Tannen und wogte die alten Aste machtig hin und her. Das Heidi schlug seine Augen auf, der Ton hatte es erweckt. Dieses Rauschen packte das Heidi immer im Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es schos von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit, sich fertigzumachen; das muste aber doch sein, denn Heidi wuste nun recht gut, das man immer sauber und ordentlich aussehen mus. Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter; des Grosvaters Lager war schon leer; es sprang hinaus. Drausen vor der Tur stand der Grosvater und schaute den Himmel nach allen Seiten hin an, wie er jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der Tag werden wollte.

    Es zogen rosige Wolkchen oben hin, und mehr und mehr blaute der Himmel, und druben flos es wie lauter Gold uber die Hohen und das Weideland, denn eben kam droben die Sonne uber die hohen Felsen heraufgestiegen.

    “O wie schon! O wie schon! Guten Tag, Grosvater", rief das Heidi heranspringend.

    “So, sind deine Augen auch schon hell?” gab der Grosvater zuruck, dem Heidi die Hand zum Morgengrus hinhaltend.

    Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hupfte vor Freuden uber das Tosen und Sausen da droben unter den wogenden Asten herum, und bei jedem neuen Windstos und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig hoher.

    Unterdessen war der Grosvater zum Stalle hingegangen und hatte dem Schwanli und Barli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schon geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte, kam es herangesprungen und faste sie beide um den Hals, begruste sie zartlich, und sie meckerten frohlich und zutraulich, und jede von den Geisen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und druckte ihren Kopf noch immer naher an seine Schultern heran, so das es zwischen den zweien fast zerdruckt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Barli gar zu arg bohrte und drangte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi: “Nein, Barli, du stost ja wie der grose Turk", und augenblicklich zog Barli seinen Kopf zuruck und stellte sich ganz anstandig hin, und das Schwanli hatte auch schon seinen Kopf in die Hohe gereckt und machte eine vornehme Gebarde, so das man deutlich sehen konnte, es dachte bei sich: Das soll mir denn keiner nachsagen, das ich mich benehme wie der Turk. Denn das schneeweise Schwanli war noch ein wenig vornehmer als das braune Barli.

    Jetzt horte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertonen, und bald kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geisen alle, voran der flinke Distelfink in hohen Sprungen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel drin, und vor lauter sturmischen Begrusungen wurde es hin-und hergeschoben, und dann schob es wieder ein wenig, denn es wollte zu dem schuchternen Schneehoppli vordringen, das ja von den groseren immer wieder weggedrangt wurde, wenn es dem Heidi entgegenstrebte.

    Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, furchterlichen Pfiff, der sollte die Geisen aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er wollte Platz bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geisen sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorrucken und sich nun vor das Heidi hinstellen.

    “Du kannst einmal wieder mitkommen heut", war seine etwas storrige Anrede.

    “Nein, das kann ich nicht, Peter", entgegnete das Heidi. “Jeden Augenblick konnen sie jetzt von Frankfurt kommen, und dann mus ich daheim sein.”

    “Das hast du schon manchmal gesagt", brummte der Peter.

    “Es gilt aber immer noch, und es gilt, bis sie kommen", gab das Heidi zuruck. “Oder meinst du etwa, ich musse nicht daheim sein, wenn sie von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du etwa so etwas, Peter?”

    “Sie konnen zum Ohi kommen", versetzte der Peter knurrend.

    Jetzt ertonte von der Hutte her die kraftige Stimme des Grosvaters: “Warum geht's nicht vorwarts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall oder an den Truppen?”

    Augenblicklich machte der Peter kehrum, schwang seine Rute in der Luft, das sie sauste und alle Geisen, die den Ton wohl kannten, auf und davon rannten, der Peter hinter ihnen drein, alle miteinander in vollem Trabe den Berg hinan.

    Seit das Heidi wieder daheim beim Grosvater war, kam ihm hier und da etwas in den Sinn, woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es jetzt alle Morgen mit groser Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum, bis es ganz glatt aussah. Dann lief es in der Hutte hin und her, stellte jeden Stuhl an seinen Ort, und was etwa da und dort herumlag oder—hing, das kramte es alles in den Schrank hinein. Dann holte es einen Lappen herbei, kletterte auf einen Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum, bis dieser ganz blank war. Wenn dann der Grosvater wieder hereinkam, schaute er wohlgefallig um sich und sagte etwa: “Bei uns ist's jetzt immer wie Sonntag, das Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen.”

    Auch heute hatte Heidi, nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem Grosvater gefruhstuckt hatte, sich gleich an seine Geschafte gemacht, aber es wurde fast nicht fertig damit. Drausen war es heut morgen gar so schon, und alle Augenblicke geschah wieder etwas, was das Kind in seiner Tatigkeit unterbrach. Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen, und es war geradezu, als riefe er: “Komm heraus, Heidi, komm heraus!” Da konnte es nicht mehr drinnen bleiben, es rannte hinaus. Da lag der funkelnde Sonnenschein um die ganze Hutte herum, und auf allen Bergen glanzte er und weit, weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken aus, es muste ein wenig darauf niedersetzen und umherschauen. Dann kam ihm auf einmal in den Sinn, das das Dreibeinstuhlchen noch mitten in der Hutte stand und der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und lief in die Hutte zuruck. Aber es wahrte gar nicht lange, so sauste es drausen so machtig durch die Tannen, das es dem Heidi in alle Glieder fuhr, es muste schon wieder hinaus und ein wenig mithupfen, wenn alle Zweige da droben hin und her wogten und rollten. Der Grosvater hatte einstweilen hinten im Schopf allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tur hinaus und schaute lachelnd Heidis Sprungen zu. Eben war er wieder zuruckgetreten, als mit einemmal das Heidi laut aufschrie:

    “Grosvater, Grosvater! Komm, komm!”

    Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei. Da sah er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: “Sie kommen, sie kommen! Und voran der Herr Doktor!”

    Das Heidi sturzte seinem alten Freunde entgegen. Dieser streckte grusend die Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte, umfaste es zartlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude: “Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch vieltausendmal!”

    “Grus Gott, Heidi! Und wofur dankst du denn schon?” fragte freundlich lachelnd der Herr Doktor.

    “Das ich wieder heim konnte zum Grosvater", erklarte ihm das Kind.

    Dem Herrn Doktor ging's wie ein Sonnenschein uber das Gesicht. Diesen Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Im Gefuhl seiner Einsamkeit war er unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal gesehen, wie schon es um ihn her war und das es immer schoner wurde. Er hatte angenommen, das Kind Heidi werde ihn kaum mehr kennen; es hatte ihn so wenig gesehen, und er kam sich vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttauschung zu bereiten, und den sie darum nicht ansehen mogen, weil er ja die erwarteten Freunde nicht mitbrachte. Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle Freude aus den Augen, und voller Dank und Liebe hielt es immer noch den Arm seines guten Freundes fest.

    Mit vaterlicher Zartlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der Hand. “Komm, Heidi", sagte er in freundlichster Weise, “fuhre mich nun zu deinem Grosvater und zeige mir, wo du daheim bist.”

    Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter.

    “Wo sind denn Klara und die Grosmama?” fragte es jetzt.

    “Ja, nun mus ich dir's sagen, was dir leid tun wird wie mir auch", erwiderte der Herr Doktor. “Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war recht krank und konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Grosmama nicht mit. Aber dann im Fruhjahr, wenn die Tage wieder warm und schon lang werden, dann kommen sie ganz sicher.”

    Das Heidi stand sehr betroffen da; es konnte gar nicht fassen, das es nun alles, was es so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal gar nicht mehr sehen sollte. Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt von dem Unerwarteten. Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm, und ringsum war alles still, nur hoch oben horte man den Wind durch die Tannen sausen. Da fiel es dem Heidi auf einmal wieder ein, warum es heruntergelaufen sei und das der Herr Doktor ja gekommen sei. Es schaute zu ihm auf. Da lag etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihm niederschauten, wie es noch gar nicht gesehen hatte. So war es nie gewesen, wenn der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte. Das ging dem Heidi zu Herzen; es konnte nicht sehen, das jemand traurig war, und nun gar der gute Herr Doktor. Gewis war er so, weil Klara und die Grosmama nicht hatten mitkommen konnen. Es suchte schnell nach einem Trost und fand ihn.

    “Oh, es wahrt gewis nicht lange, bis es wieder Fruhling wird, und dann kommen sie ja bestimmt", trostete das Heidi. “Bei uns wahrt es gar nie lange, und dann konnen sie ja viel langer dableiben, das will die Klara gewis noch lieber. Und jetzt wollen wir zum Grosvater hinauf.” Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg es nun zu der Hutte hinan. Es war dem Heidi so sehr daran gelegen, den Herrn Doktor wieder froh zu machen, das es ihn noch einmal zu uberzeugen anfing, es wahre so wenig lange auf der Alm, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen, das man es kaum merke, und dabei wurde das Heidi selbst so uberzeugt von seinem Trost, das es oben dem Grosvater ganz frohlich entgegenrief:

    “Sie sind noch nicht da, aber es wahrt gar nicht lange, so kommen sie auch.”

    Fur den Grosvater war der Herr Doktor kein Fremder, das Kind hatte ja so viel von ihm gesprochen. Der Alte streckte seinem Gaste die Hand entgegen und bewillkommte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die Manner auf die Bank an der Hutte. Auch fur das Heidi wurde da noch ein Platzchen gemacht, und der Herr Doktor winkte ihm freundlich, das es neben ihm sitzen solle. Nun fing er an zu erzahlen, wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und wie er auch selbst gefunden, es mochte gut fur ihn sein, da er sich seit langem nicht mehr recht frisch und rustig fuhle. Dem Heidi sagte er dann ins Ohr, es werde bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit hergereist sei und ihm eine viel grosere Freude machen werde als der alte Doktor. Das Heidi war sehr gespannt darauf zu erfahren, was das sein konne. Der Grosvater ermunterte den Herrn Doktor sehr, die schonen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen oder wenigstens an jedem schonen Tage heraufzukommen, denn hier oben zu bleiben, dazu konnte ihn der Almohi nicht einladen, da war ja keine Gelegenheit, den Herrn zu logieren. Er riet aber seinem Gaste, nicht bis nach Ragaz zuruckzukehren, sondern unten im Dorfli ein Zimmer zu beziehen, das er im dortigen Wirthause in einer einfachen, aber ganz ordentlichen Art finden werde. So konnte der Herr Doktor jeden Morgen nach der Alm heraufkommen, was ihm wohltun muste, meinte der Ohi, auch wurde er dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte fuhren, weiter hinauf in die Berge, wo es ihm gefallen sollte. Diesem gefiel der ganze Vorschlag sehr wohl, und es wurde festgesetzt, das er ausgefuhrt werden sollte.

    Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen; der Wind hatte sich schon lange gelegt, und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft war fur die Hohe noch mild und lieblich und sauselte erfrischende Kuhle um die sonnenbeschienene Bank.

    Jetzt stand der Almohi auf und ging in die Hutte hinein, kam aber gleich wieder und brachte einen Tisch heraus, den er vor die Bank hinstellte.

    “So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen", sagte er. “Der Herr mus nun vorlieb nehmen; ist unsere Kuche auch einfach, so ist das Eszimmer doch anstandig.”

    “Das meine ich auch", erwiderte der Herr Doktor, indem er auf das sonnenbeleuchtete Tal hinunterschaute, “und die Einladung nehme ich an, hier oben mus es schmecken.”

    Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei, was es nur drinnen im Schranke finden konnte, denn das es den Herrn Doktor bewirten durfte, war ihm eine ungeheure Freude. Der Grosvater bereitete unterdessen das Mahl und trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkruge und dem goldig glanzenden Kasebraten. Dann schnitt er schone, durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch herunter, das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor schmeckte sein Mittagsmahl so gut wie das ganze Jahr durch noch kein einziges Mal.

    “Ja, ja, hierhin mus unsere Klara kommen", sagte er jetzt. “Da wird sie zu ganz neuen Kraften gelangen, und wenn sie eine Zeitlang ist wie ich heute, so wird sie rund und fest werden, wie sie in ihrem Leben noch nie war.”

    Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen, der hatte einen grosen Ballen auf dem Rucken. Wie er oben bei der Hutte ankam, warf er seine Last auf den Boden hin und zog ein paar gute Zuge von der frischen Almluft ein.

    “Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist", sagte der Herr Doktor aufstehend, und das Heidi mit sich ziehend, trat er an den Ballen hin und fing an, ihn aufzulosen. Als die erste schwere Hulle weg war, sagte er: “So, Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine Schatze selbst heraus.”

    Das Heidi tat so, und wie nun alles auseinanderrollte, schaute es mit grosen, verwunderten Augen auf die Dinge hin. Erst als der Herr Doktor wieder herzutrat und von der grosen Schachtel den Deckel weghob, dem Heidi bedeutend: “Sieh, was die Grosmutter zum Kaffee bekommt", da schrie es auf vor Freuden: “Oh! Oh! Jetzt kann die Grosmutter einmal schone Kuchen essen!” und sprang rings um die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Grosmutter hinuntereilen. Aber der Grosvater sagte, gegen Abend wollten sie dann miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand das Heidi auch das schone Sackchen Tabak und brachte es schnell dem Grosvater heruber. Das gefiel ihm sehr wohl. Er fullte gleich sein Pfeifchen damit, und die beiden Manner sprachen nun, auf der Bank sitzend und grose Rauchwolken von sich blasend, uber allerhand Dinge, wahrend das Heidi hin und her sprang von einem seiner Schatze zum andern. Auf einmal kam es wieder zu der Bank zuruck, stellte sich vor den Gast hin, und sowie die erste Pause im Gesprach entstand, sagte es sehr bestimmt:

    “Nein, das andere hat mir nicht mehr Freude gemacht als der alte Herr Doktor.”

    Die beiden Manner musten ein wenig lachen, und der Herr Doktor sagte, das hatte er nicht gedacht.

    Als die Sonne halb hinter die Berge hinabsteigen wollte, stand der Gast auf, um seine Ruckreise nach dem Dorfli anzutreten und dort Quartier zu nehmen. Der Grosvater packte die Kuchenschachtel, die grose Wurst und das Tuch unter seinen Arm, der Herr Doktor nahm das Heidi an die Hand, und so wanderten sie den Berg hinunter bis zur Geisenpeter-Hutte. Hier muste das Heidi Abschied nehmen. Es sollte drinnen bei der Grosmutter warten, bis es wieder abgeholt wurde vom Grosvater, welcher seinen Gast nach dem Dorfli hinunter geleiten wollte. Als der Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot, fragte es: “Wollen Sie etwa gern morgen mit den Geisen auf die Weide hinaufgehen?”, denn das war das Schonste, was es kannte.

    “Es bleibt dabei, Heidi", erwiderte er, “wir gehen zusammen.”

    Nun gingen die Manner weiter, und das Heidi trat bei der Grosmutter ein. Erst schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit, dann muste es wieder hinaus, um die Wurst zu holen, denn der Grosvater hatte alles vor der Tur niedergelegt. Nachher muste es erst noch einmal hinaus, das grose Tuch zu holen. Es brachte alles so nahe an die Grosmutter heran als nur moglich, damit sie recht alles beruhren konne und wisse, was es sei. Das Tuch legte es ihr auf die Knie.

    “Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Grosmama", berichtete es der hocherstaunten Grosmutter und der verwunderten Brigitte, der die Uberraschung so in die Glieder gefahren war, das sie unbeweglich zugeschaut hatte, wie das Heidi mit der grosten Anstrengung die schweren Gegenstande hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte.

    “Aber gelt, Grosmutter, die Kuchen freuen dich furchtbar stark? Sieh nur, wie weich sie sind!” rief das Heidi immer wieder, und die Grosmutter bestatigte: “Ja, ja, gewis, Heidi, was sind das auch fur gute Leute!” Dann strich sie wieder mit der Hand uber das warme, weiche Tuch und sagte: “Aber das ist etwas Herrliches fur den kalten Winter! Das ist etwas so Prachtiges, das ich nie geglaubt hatte, ich konnte in meinem Leben dazu kommen.”

    Das Heidi aber muste sich sehr verwundern, das die Grosmutter an dem grauen Tuch noch mehr Freude haben konnte als an den Kuchen. Die Brigitte stand immer noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und schaute sie fast mit Verehrung an. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen, und diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr unglaublich vor. Sie schuttelte den Kopf und sagte zaghaft: “Man wird doch noch den Ohi fragen mussen, wie das gemeint sei.”

    Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel:

    “Das ist zum Essen gemeint und gar nicht anders.”

    Jetzt kam der Peter hereingestolpert: “Der Almohi kommt hinter mir drein, das Heidi soll...”; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke waren auf den Tisch gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte ihn so uberwaltigt, das er kein Wort mehr fand. Aber das Heidi hatte schon gemerkt, was kommen sollte, und gab schnell der Grosmutter die Hand. Der Almohi ging zwar jetzt nie mehr an der Hutte vorbei, ohne schnell hereinzutreten und die Grosmutter zu grusen, und sie freute sich auch immer, wenn sie seinen Schritt horte, denn er hatte jedesmal ein ermunterndes Wort fur sie; aber heute war es spat geworden fur das Heidi, das alle Morgen mit der Sonne drausen war. Der Grosvater aber sagte: “Das Kind mus seinen Schlaf haben", und dabei blieb er. So rief er durch die offene Tur der Grosmutter nur eine gute Nacht zu und nahm das heranspringende Heidi bei der Hand, und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer friedlichen Hutte zu.

    Eine Vergeltung

    Am anderen Morgen in der Fruhe stieg der Herr Doktor vom Dorfli den Berg hinan in der Gesellschaft des Peter und seiner Geisen. Der freundliche Herr versuchte ein paarmal mit dem Geisbuben ein Gesprach anzuknupfen, aber es gelang ihm nicht, kaum das er als Antwort auf einleitende Fragen unbestimmte, einsilbige Worte zu horen bekam. Der Peter lies sich nicht so leicht in ein Gesprach ein. So wanderte die ganze schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhutte, wo schon erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geisen, alle drei munter und frohlich wie der fruhe Sonnenschein auf allen Hohen.

    “Kommst mit?” fragte der Peter, denn als Frage oder als Aufforderung sprach er jeden Morgen diesen Gedanken aus.

    “Freilich, naturlich, wenn der Herr Doktor mitkommt", gab das Heidi zuruck.

    Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.

    Jetzt trat der Grosvater hinzu, das Mittagsbrotsackchen in der Hand. Erst gruste er den Herrn mit aller Ehrerbietung, dann trat er zum Peter hin und hing ihm das Sackchen um.

    Es war schwerer als sonst, denn der Ohi hatte ein schones Stuck von dem rotlichen Fleische hineingelegt. Er hatte gedacht, vielleicht gefalle es dem Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort mit den Kindern ein. Der Peter lachelte fast von einem Ohr bis zum andern, denn er ahnte, das da drinnen etwas Ungewohnliches versteckt sei.

    Nun wurde die Bergfahrt angetreten. Das Heidi wurde ganz von seinen Geisen umringt, jede wollte zunachst bei ihm sein, und eine schob die andere immer ein wenig seitwarts. So wurde es eine Zeitlang mitten in dem Rudel mit fortgeschoben. Aber jetzt stand es still und sagte ermahnend: “Nun must ihr artig vorauslaufen, aber dann nicht immer wiederkommen und mich drangen und stosen. Ich mus jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen.” Dann klopfte es dem Schneehoppli, das sich immer am nachsten zu ihm hielt, zartlich auf den Rucken und ermahnte es noch besonders, nun recht folgsam zu sein. Dann arbeitete es sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her, der es gleich bei der Hand faste und festhielt. Er muste jetzt nicht mit Muhe nach einem Gesprach suchen wie vorher, denn das Heidi fing gleich an und hatte ihm so viel zu erzahlen von den Geisen und ihren merkwurdigen Einfallen und von den Blumen oben und den Felsen und Vogeln, das die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz unerwartet oben auf der Weide anlangten. Der Peter hatte im Hinaufgehen ofters seitwarts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen, die diesem einen rechten Schrecken hatten beibringen konnen; er sah sie aber glucklicherweise nicht.

    Oben angelangt, fuhrte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die schonste Stelle, wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute, denn da gefiel es ihm am besten. Es tat, wie es gewohnt war, und der Herr Doktor lies sich gleich auch neben Heidi auf den sonnigen Weideboden nieder. Ringsum leuchtete der goldene Herbsttag uber die Hohen und das weite grune Tal. Von den unteren Alpen tonten uberall die Herdenglocken herauf, so lieblich und wohltuend, als ob sie weit und breit den Frieden einlauteten. Auf dem grosen Schneefelde druben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und her, und der graue Falknis hob seine Felsenturme in alter Majestat hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf. Der Morgenwind wehte leise und wonnig uber die Alp und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblumchen, die noch ubriggeblieben waren von der grosen Schar des Sommers und nun noch wohlig ihre Kopfchen im warmen Sonnenscheine wiegten. Obenhin flog der grose Raubvogel in weiten Bogen umher, aber er krachzte heute nicht. Mit ausgebreiteten Flugeln schwamm er ruhig durch die Blaue und lies sich's wohl sein. Das Heidi guckte dahin und dorthin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der frohliche Sonnenschein, der vergnugte Vogel in den Luften, alles war so schon, so schon! Heidis Augen funkelten vor Wonne. Nun schaute es nach seinem Freunde, ob er auch alles recht sehe, was so schon war. Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und gedankenvoll um sich geblickt. Wie er nun den freudeglanzenden Augen des Kindes begegnete, sagte er:

    “Ja, Heidi, es konnte schon sein hier, aber was meinst du? Wenn einer ein trauriges Herz hierher brachte, wie muste er es wohl machen, das er an all dem Schonen sich freuen konnte?”

    “Oh, oh!” rief das Heidi ganz frohlich aus. “Hier hat man gar nie ein trauriges Herz, nur in Frankfurt.”

    Der Herr Doktor lachelte ein wenig, aber das ging schnell voruber. Dann sagte er wieder: “Und wenn einer kame und alles Traurige aus Frankfurt mit hier heraufbrachte, Heidi; weist du da auch noch etwas, das ihm helfen konnte?”

    “Man mus nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr weis, was machen", sagte das Heidi ganz zuversichtlich.

    “Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind", bemerkte der Herr Doktor. “Wenn es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend macht, was kann man da dem lieben Gott sagen?”

    Das Heidi muste nachdenken, was dann zu machen sei; es war aber ganz zuversichtlich, das man fur alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten konne. Es suchte seine Antwort in seinen eigenen Erlebnissen.

    “Dann mus man warten", sagte es nach einer Weile mit Sicherheit, “und nur immer denken: jetzt weis der liebe Gott schon etwas Freudiges, das dann nachher aus dem anderen kommt, man mus nur noch ein wenig still sein und nicht fortlaufen. Dann kommt auf einmal alles so, das man ganz gut sehen kann, der liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas Gutes im Sinn gehabt; aber weil man das vorher noch nicht so sehen kann, sondern immer nur das furchtbar Traurige, so denkt man, es bleibe dann immer so.”

    “Das ist ein schoner Glaube, den must du festhalten, Heidi", sagte der Herr Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die machtigen Felsenberge hinuber und in das sonnenleuchtende grune Tal hinab, dann sagte er wieder:

    “Siehst du, Heidi, es konnte einer hier sitzen, der einen grosen Schatten auf den Augen hatte, so das er das Schone gar nicht aufnehmen konnte, das ihn hier umgibt. Dann mochte doch wohl das Herz traurig werden hier, doppelt traurig, wo es so schon sein konnte. Kannst du das verstehen?”

    Jetzt schos dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz. Der grose Schatten auf den Augen brachte ihm die Grosmutter in Erinnerung, die ja nie mehr die helle Sonne und all das Schone hier oben sehen konnte. Das war ein Leid in Heidis Herzen, das immer neu erwachte, sobald die Sache ihm wieder ins Bewustsein kam. Es schwieg eine Weile ganz still, denn das Weh hatte es so mitten in die Freude hineingetroffen. Dann sagte es ernsthaft:

    “Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich weis etwas: Dann mus man die Lieder der Grosmutter sagen, die machen einem wieder ein wenig helle und manchmal so hell, das man ganz frohlich wird. Das hat die Grosmutter gesagt.”

    “Welche Lieder, Heidi?” fragte der Herr Doktor.

    “Ich kann nur das von der Sonne und dem schonen Garten und noch von dem andern langen die Verse, die der Grosmutter lieb sind, denn die mus ich immer dreimal lesen", erwiderte das Heidi.

    “So sag mir einmal diese Verse, die mochte ich auch horen", und der Herr Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhoren.

    Heidi legte seine Hande ineinander und besann sich noch ein Weilchen:

    “Soll ich dort anfangen, wo die Grosmutter sagt, das einem wieder eine Zuversicht ins Herz kommt?”

    Der Herr Doktor nickte bejahend.

    Jetzt begann Heidi:

        “Ihn, ihn las tun und walten,
        Er ist ein weiser Furst
        Und wird es so gestalten,
        Das du dich wundern wirst,
        Wenn er, wie ihm gebuhret,
        Mit wunderbarem Rat
        Das Werk hinausgefuhret,
        Das dich bekummert hat.

        Er wird zwar eine Weile
        Mit seinem Trost verziehn
        Und tun an seinem Teile,
        Als hatt' in seinem Sinn
        Er deiner sich begeben,
        Als sollt'st du fur und fur
        In Angst und Noten schweben,
        Als fragt' er nichts nach dir.

        Wird's aber sich begeben,
        Das du ihm treu verbleibst,
        So wird er dich erheben,
        Da du's am mind'sten glaubst.
        Er wird dein Herz erlosen
        Von der so schweren Last,
        Die du zu keinem Bosen
        Bisher getragen hast.”

    Heidi hielt plotzlich inne, es war nicht sicher, das der Herr Doktor auch noch zuhore. Er hatte die Hand uber seine Augen gebreitet und sas unbeweglich da. Es dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen; wenn er dann wieder erwachte und noch mehr Verse horen wollte, wurde er es schon sagen. Jetzt war alles still. Der Herr Doktor sagte nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in eine langst vergangene Zeit zuruckversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge neben dem Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi horte und das er so lange nicht mehr vernommen hatte. Jetzt horte er die Stimme seiner Mutter wieder und sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und als die Worte des Liedes verklungen waren, horte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm sprechen. Die muste er gern horen und ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken, denn noch lange Zeit sas er so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend und regungslos. Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie das Heidi in Verwunderung nach ihm blickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.

    “Heidi, dein Lied war schon", sagte er, und seine Stimme klang froher, als sie bis jetzt geklungen hatte. “Wir wollen wieder hierherkommen, dann sagst du mir's noch einmal.”

    Wahrend dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt, seinem Arger Luft zu machen. Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide gewesen, und nun, da es endlich einmal wieder mit war, sas der alte Herr die ganze Zeit neben ihm, und der Peter konnte gar nicht an das Heidi herankommen. Das verdros ihn sehr stark. Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem ahnungslosen Herrn auf, so das dieser ihn nicht sehen konnte, und hier machte er erst eine grose Faust und schwang sie drohend in der Luft herum, und nach einiger Zeit machte er zwei Fauste, und je langer das Heidi neben dem Herrn sitzen blieb, je schrecklicher ballte der Peter seine Fauste und streckte sie immer hoher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rucken des Bedrohten.

    Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu Mittag essen mus; das kannte der Peter genau. Auf einmal schrie er aus allen Kraften zu den zweien hinuber:

    “Man mus essen!”

    Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor auf dem Platze, wo er sas, sein Mittagsmahl abhalten konne. Aber er sagte, er habe keinen Hunger, er wunsche nur ein Glas Milch zu trinken, dann wolle er gern noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand das Heidi, dann habe es auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und nachher wolle es den Herrn Doktor hinauffuhren zu den grosen, moosbedeckten Steinen hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen ware und wo alle die wurzigen Krautlein wuchsen. Es lief zum Peter hinuber und erklarte ihm alles und das er nun erst eine Schale Milch vom Schwanli nehmen musse fur den Herrn Doktor und dann noch eine, die wolle es fur sich haben. Der Peter schaute erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi an, dann fragte er:

    “Wer mus haben, was im Sack ist?”

    “Das kannst du haben, aber zuerst must du die Milch geben, und hurtig", war Heidis Antwort.

    So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet, als er nun diese fertigbrachte, denn er sah immer den Sack vor sich und wuste noch nicht, wie das aussah, was drinnen war und ihm gehorte. Sobald druben die beiden ruhig ihre Milch tranken, offnete der Peter den Sack und tat einen Blick hinein. Als er das wundervolle Stuck Fleisch gewahr wurde, da schuttelte es den ganzen Peter vor Freude, und er tat noch einen Blick hinein, um sich zu versichern, das es auch wahr sei. Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein, um die erwunschte Gabe zum Genus herauszuholen. Aber auf einmal zog er die Hand wieder zuruck, als ob er nicht zugreifen durfe. Es war dem Peter in den Sinn gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn gefaustet hatte, und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes unvergleichliches Mittagsessen. Jetzt reute den Peter seine Tat, denn es war ihm gerade so, wie wenn sie ihn verhinderte, sein schones Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben. Auf einmal sprang er in die Hohe und lief zuruck auf die Stelle hin, wo er gestanden hatte. Da streckte er seine beiden Hande ganz flach in die Luft hinauf, zum Zeichen, das das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb er eine gute Weile stehen, bis er das Gefuhl hatte, die Sache sei nun wieder ausgeglichen. Dann kam er in grosen Sprungen zu dem Sack zuruck, und nun, da das gute Gewissen hergestellt war, konnte er mit vollem Vergnugen in sein ungewohnlich leckeres Mittagsmahl beisen.

    Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert und hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei Zeit fur ihn zuruckzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei seinen Geisen bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht in den Sinn, denn dann muste ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Hutte vom Grosvater wollte es ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stuck daruber hinaus. Es ging immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem ganzen Wege ihm noch genug zu erzahlen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die Geisen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glanzenden gelben Weideroschen und vom roten Tausendguldenkraut und noch anderen Blumen gebe. Die wuste es nun alle zu benennen, denn der Grosvater hatte ihm den Sommer durch alle ihre Namen beigebracht, so, wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der Herr Doktor, nun musse es zuruckkehren. Sie nahmen Abschied, und der Herr ging den Berg hinunter, doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann sah er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes, liebes Tochterchen getan, wenn er von Hause fortging.

    Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr Doktor zur Alp herauf, und dann ging es gleich weiter auf eine schone Wanderung. ofters zog er mit dem Almohi aus, hoch in die Felsenberge hinauf, wo die alten Wettertannen herunternickten und der grose Vogel in der Nahe hausen muste, denn da schwirrte er manchmal sausend und krachzend ganz nahe an den Kopfen der beiden Manner vorbei. Der Herr Doktor hatte ein groses Wohlgefallen an der Unterhaltung seines Begleiters, und er muste sich immer mehr verwundern, wie gut der Ohi alle Krautlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wuste, wozu sie gut waren, und wieviel kostbare und gute Dinge er da droben uberall herauszufinden wuste; so in den harzigen Tannen und in den dunklen Fichtenbaumen mit den duftenden Nadeln, in dem gekrauselten Moos, das zwischen den alten Baumwurzeln emporspros, und in all den feinen Pflanzchen und unscheinbaren Blumchen, die noch ganz hoch oben dem kraftigen Alpenboden entsprangen.

    Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben, der grosen und der kleinen, und er wuste dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlocher, der Erdhohlen und auch der hohen Tannenwipfel zu erzahlen.

    Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen Wanderungen, er wuste gar nicht, wie, und oftmals, wenn er am Abend dem Ohi herzlich die Hand zum Abschiede schuttelte, muste er von neuem sagen: “Guter Freund, von Ihnen gehe ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu haben.”

    An vielen Tagen aber, und gewohnlich an den allerschonsten, wunschte der Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann sasen die beiden ofter miteinander auf dem schonen Vorsprunge der Alp, wo sie am ersten Tage gesessen hatten, und das Heidi muste wieder seine Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzahlen, was es nur wuste. Dann sas der Peter ofter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt ganz zahm und faustete nie mehr.

    So ging der schone Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor eines Morgens und sah nicht so frohlich aus, wie er sonst immer ausgesehen hatte. Er sagte, es sei sein letzter Tag, er musse nach Frankfurt zuruckkehren; das mache ihm grose Muhe, denn er habe die Alp so liebgewonnen, als ware sie seine Heimat. Dem Almohi tat die Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich uberaus gern mit dem Herrn Doktor unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewohnt, alle Tage seinen liebevollen Freund zu sehen, das es gar nicht begreifen konnte, wie das nun mit einem Male ein Ende nehmen sollte. Es schaute fragend und ganz verwundert zu ihm auf. Aber es war wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Grosvater und fragte dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht fassen, das er ganz fortgehe.

    Nach einer Welle stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das Heidi weit genug gekommen, es musse zuruckkehren. Er fuhr ein paarmal zartlich mit seiner Hand uber das krause Haar des Kindes hin und sagte: “Nun mus ich fort, Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten konnte!”

    Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen, vielen Hauser und steinernen Strasen und auch Fraulein Rottenmeier und die Tinette, und es antwortete ein wenig zaghaft: “Ich wollte doch lieber, das Sie wieder zu uns kamen.”

    “Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi", sagte freundlich der Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige hinein und schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm niederblickten, fullten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr Doktor rasch und eilte den Berg hinunter.

    Das Heidi blieb stehen und ruhrte sich nicht. Die liebevollen Augen und das Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in seinem Herzen. Auf einmal brach es in ein lautes Weinen aus, und mit aller Macht sturzte es dem Forteilenden nach und rief, von Schluchzen unterbrochen, aus allen Kraften:

    “Herr Doktor! Herr Doktor!”

    Er kehrte um und stand still.

    Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Tranen stromten ihm die Wangen herunter, wahrend es herausschluchzte:

    “Ich will gewis auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen bleiben, so lang Sie wollen, ich mus es nur noch geschwind dem Grosvater sagen.”

    Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.

    “Nein, mein liebes Heidi", sagte er mit dem freundlichsten Tone, “nicht jetzt auf der Stelle; du must noch unter den Tannen bleiben, du konntest mir wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas fragen: Wenn ich einmal krank und allein bin, willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben? Kann ich denken, das sich dann noch jemand um mich kummern und mich liebhaben will?”

    “Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie sind mir auch fast so lieb wie der Grosvater", versicherte das Heidi noch unter fortwahrendem Schluchzen.

    Jetzt druckte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte er rasch seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte fort und fort mit seiner Hand, solange es nur noch ein Punktchen von dem forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser zum letztenmal sich umwandte und nach dem winkenden Heidi und der sonnigen Alp zuruckschaute, sagte er leise vor sich hin: “Dort oben ist's gut sein, da konnen Leib und Seele gesunden, und man wird wieder seines Lebens froh.”

    Der Winter im Dorfli

    Um die Almhutte lag der Schnee so hoch, das es anzusehen war, als standen die Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von der ganzen Hutte gar nichts zu sehen, auch die Haustur war vollig verschwunden. Ware der Almohi noch oben gewesen, so hatte er dasselbe tun mussen, was der Peter taglich ausfuhren muste, weil es gewohnlich uber Nacht wieder geschneit hatte. Jeden Morgen muste dieser jetzt aus dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt, so das uber Nacht alles zusammengefroren war, so versank er dann so tief in dem weichen Schnee, das er mit Handen und Fusen und mit dem Kopf auf alle Seiten stosen und werfen und ausschlagen muste, bis er sich wieder herausgearbeitet hatte. Dann bot ihm die Mutter den grosen Besen aus dem Fenster, und mit diesem sties und scharrte der Peter nun den Schnee vor sich weg, bis er zur Tur kam. Dort hatte er dann eine grose Arbeit, denn da muste aller Schnee abgegraben werden, sonst fiel entweder, wenn er noch weich war und die Tur aufging, die ganze grose Masse in die Kuche hinein, oder er fror zu, und nun war man ganz vermauert drinnen, denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht dringen, und durch das kleine Fenster konnte nur der Peter hinausschlupfen. Fur diesen brachte dann die Zeit des Gefrierens viele Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er ins Dorfli hinunter muste, offnete er nur das Fenster, kroch durch und kam drausen zu ebener Erde auf dem festen Schneefelde an. Dann schob ihm die Mutter den kleinen Schlitten durch das Fenster nach, und der Peter hatte sich nur daraufzusetzen und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls hinunter, denn die ganze Alm um und um war dann nur ein groser, ununterbrochener Schlittweg.

    Der Ohi war nicht auf der Alm den Winter; er hatte Wort gehalten. Sobald der erste Schnee gefallen war, hatte er Hutte und Stall abgeschlossen und war mit dem Heidi und den Geisen nach dem Dorfli hinuntergezogen. Dort stand in der Nahe der Kirche und des Pfarrhauses ein weitlaufiges Gemauer, das war in alter Zeit ein groses Herrenhaus gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte, obschon jetzt das Gebaude uberall ganz oder halb zerfallen war. Da hatte einmal ein tapferer Kriegsmann gewohnt; der war in spanische Dienste gegangen und hatte da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtumer erbeutet. Dann war er heimgekommen nach dem Dorfli und hatte aus seiner Beute ein prachtiges Haus errichtet; darinnen wollte er nun wohnen. Aber es ging gar nicht lange, so konnte er es in dem stillen Dorfli nicht mehr aushalten vor Langweile, denn er hatte zu lange drausen in der larmvollen Welt gelebt. Er zog wieder hinaus und kam gar niemals mehr zuruck. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wuste, das er tot war, ubernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es war schon am Verfallen, und der neue Besitzer wollte es nicht mehr aufbauen. So zogen arme Leute in das Haus, die wenig dafur bezahlen musten, und wenn ein Stuck abfiel von dem Gebaude, so lies man es liegen. Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre darubergegangen. Schon als der Ohi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen war, hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seither hatte es meistens leer gestanden, denn wer nicht verstand, vorweg dem Verfalle ein wenig zu begegnen und die Locher und Lucken, wo sie entstanden, gleich irgendwie zu stopfen und zu flicken, der konnte da nicht bleiben. Der Winter droben im Dorfli war lang und kalt. Dann blies und wehte es von allen Seiten durch die Raume, das die Lichter ausloschten und die armen Leute vom Frost geschuttelt wurden. Aber der Ohi wuste sich zu helfen. Gleich nachdem er zu dem Entschlus gekommen war, den Winter im Dorfli zuzubringen, hatte er das alte Haus wieder ubernommen und war den Herbst durch ofter heruntergekommen, um darin alles so herzurichten, wie es ihm gefiel. Um die Mitte des Oktobermonats war er dann mit dem Heidi heruntergezogen.

    Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen offenen Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der anderen die halbe eingefallen. Uber dieser war noch ein Bogenfenster zu sehen, aber das Glas war langst weg daraus, und dicker Efeu rankte sich darum und hoch hinauf bis zur Decke, die noch zur Halfte fest war. Die war schon gewolbt, und man konnte gut sehen, das war die Kapelle gewesen. Ohne Tur kam man weiter in eine grose Halle hinein, da waren hier und da noch schone Steinplatten auf dem Boden, und zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch alle halb weg und grose Stucke der Decke dazu, und hatten da nicht ein paar dicke Saulen noch ein festes Stuck der Decke getragen, so hatte man denken mussen, diese konne jeden Augenblick auf die Kopfe derer niederfallen, die darunter standen. Hier hatte der Ohi einen Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit Streu belegt, denn hier in der alten Halle sollten die Geisen logieren. Dann ging es durch allerlei Gange, immer halb offen, das einmal der Himmel hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg drausen. Aber zuvorderst, wo die schwere, eichene Tur noch fest in den Angeln hing, kam man in eine grose, weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren noch die vier festen Wande mit dem dunkeln Holzgetafel ohne Lucken, und in der einen Ecke stand ein ungeheurer Ofen, der ging fast bis an die Decke hinauf, und auf die weisen Kacheln waren grose, blaue Bilder hingemalt. Da waren alte Turme darauf, mit hohen Baumen ringsum, und unter den Baumen ging ein Jager dahin mit seinen Hunden. Dann war wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen, und ein Fischer stand daran und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus. Um den ganzen Ofen herum ging eine Bank, so das man da gleich hinsetzen und die Bilder studieren konnte. Hier gefiel es dem Heidi sogleich. Sowie es mit dem Grosvater in die Stube eingetreten war, lief es auf den Ofen zu, setzte sich auf die Bank und fing an die Bilder zu betrachten. Aber wie es, auf der Bank weiter gleitend, bis hinter den Ofen gelangte, nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag: In dem ziemlich grosen Raume zwischen dem Ofen und der Wand waren vier Bretter aufgestellt, so wie zu einem Apfelbehalter. Darinnen lagen aber nicht Apfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz so, wie es oben auf der Alm gewesen war: ein hohes Heulager mit dem Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Das Heidi jauchzte auf:

    “Oh, Grosvater, da ist meine Kammer, o wie schon! Aber wo must du schlafen?”

    “Deine Kammer mus nahe beim Ofen sein, damit du nicht frierst", sagte der Grosvater, “die meine kannst du auch sehen.”

    Das Heidi hupfte durch die weite Stube dem Grosvater nach, der auf der anderen Seite eine Tur aufmachte, die in einen kleinen Raum hineinfuhrte, da hatte der Grosvater sein Lager errichtet. Dann kam aber wieder eine Tur. Das Heidi machte sie geschwind auf und stand ganz verwundert still, denn da sah man in eine Art von Kuche hinein, die war so ungeheuer gros, wie es noch nie in seinem Leben eine gesehen hatte. Da war viel Arbeit fur den Grosvater gewesen, und es blieb auch noch immer viel zu tun ubrig, denn da waren Locher und weite Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind hereinpfiff, und doch waren schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden, das es aussah, als waren ringsum kleine Holzschranke in der Mauer angebracht. Auch die grose, uralte Tur hatte der Grosvater wieder mit vielen Drahten und Nageln festzumachen verstanden, so das man sie schliesen konnte, und das war gut, denn nachher ging es in lauter verfallenes Gemauer hinaus, wo dickes Gestrupp emporwuchs und Scharen von Kafern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.

    Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung, und schon am anderen Tage, als der Peter kam, um zu sehen, wie es in der neuen Wohnung zugehe, hatte es alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt, das es ganz daheim war und den Peter uberall herumfuhren konnte. Es lies ihm auch durchaus keine Ruhe, bis er ganz grundlich alle die merkwurdigen Dinge betrachtet hatte, die der neue Wohnsitz enthielt.

    Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel, aber am Morgen meinte es doch immer, es sollte auf der Alp erwachen und es musse gleich die Huttentur aufmachen, um zu sehen, ob die Tannen darum nicht rauschten, weil der hohe, schwere Schnee darauf liege und die Aste niederdrucke. So muste es jeden Morgen zuerst lange hin und her schauen, bis es sich wieder besinnen konnte, wo es war, und jedesmal fuhlte es etwas auf seinem Herzen liegen, das es wurgte und druckte, wenn es sah, das es nicht daheim sei auf der Alp. Aber wenn es dann den Grosvater reden horte drausen mit dem Schwanli und dem Barli und dann die Geisen so laut und lustig meckerten, als wollten sie ihm zurufen: “Mach doch, das du einmal kommst, Heidi", dann merkte es, das es doch daheim war, und sprang frohlich aus seinem Bette und dann so schnell als moglich in den grosen Geisenstall hinaus. Aber am vierten Tage sagte das Heidi sorglich: “Heute mus ich gewis zur Grosmutter hinauf, sie kann nicht so lange allein sein.”

    Aber der Grosvater war nicht einverstanden. “Heute nicht und morgen auch noch nicht", sagte er. “Die Alm hinauf liegt der Schnee klaftertief, und immer noch schneit es fort; kaum kann der feste Peter durchkommen. Ein Kleines wie du, Heidi, ware auf der Stelle eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu finden. Wart noch ein wenig, bis es friert, dann kannst du bequem uber die Schneedecke hinaufspazieren.”

    Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer. Aber die Tage waren jetzt so angefullt von Arbeit, das immer einer unversehens dahin war und ein anderer kam. Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das Heidi jetzt in die Schule im Dorfli und lernte ganz eifrig, was da zu lernen war. Den Peter sah es aber fast nie in der Schule, denn meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann, der nur dann und wann sagte: “Es scheint mir, der Peter sei wieder nicht da. Die Schule tate ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort hinauf, er wird wohl nicht durchkommen.” Aber gegen Abend, wenn die Schule aus war, kam der Peter meistens durch und machte seinen Besuch beim Heidi.

    Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen uber den weisen Boden hin, aber sie ging ganz fruh wieder hinter die Berge hinab, so als gefalle es ihr lange nicht so gut herunterzuschauen wie im Sommer, wenn alles grunte und bluhte. Aber am Abend kam der Mond ganz hell und gros herauf und leuchtete die ganze Nacht uber die weiten Schneefelder hin, und am anderen Morgen glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein Kristall. Als der Peter wie die Tage vorher aus seinem Fenster in den tiefen Schnee hinabspringen wollte, ging es ihm, wie er nicht erwartet hatte. Er nahm einen Satz hinaus, aber anstatt ins Weiche hinab zu kommen, schlug es ihn auf dem unerwartet harten Boden gleich um, und unversehens fuhr er ein gutes Stuck den Berg hinunter wie ein herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er schlieslich wieder auf seine Fuse, und nun stampfte er mit aller Macht auf den Schneeboden, um sich zu versichern, das auch wirklich moglich sei, was ihm soeben begegnet war. Es war richtig: Wie er auch stampfte und einschlug mit den Absatzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen herausschlagen. Die ganze Alm war steinhart zugefroren. Das war dem Peter eben recht: Er wuste, das dieser Zustand der Dinge notig war, damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen konnte. Schleunig kehrte er um, schluckte seine Milch hinunter, welche die Mutter eben auf den Tisch gestellt hatte, steckte sein Stucklein Brot in die Tasche und sagte eilig: “Ich mus in die Schule.”

    “Ja, so geh und lern auch brav", sagte die Mutter beistimmend.

    Der Peter kroch zum Fenster hinaus—denn nun war man eingesperrt um des Eisberges willen vor der Ture—, zog seinen kleinen Schlitten nach sich, setzte sich darauf und schos den Berg hinunter.

    Es ging wie der Blitz, und als er beim Dorfli da ankam, wo es gleich weiter hinab gegen Maienfeld hin ging, fuhr der Peter weiter, denn es kam ihm so vor, als muste er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn er auf einmal den Lauf einhalten wollte. So fuhr er zu, bis er ganz unten in der Ebene ankam und es von selbst nicht mehr weiterging. Dann stieg er ab und schaute sich um. Die Gewalt der Niederfahrt hatte ihn noch ziemlich uber Maienfeld hinausgejagt. Jetzt bedachte er, das er jedenfalls zu spat in die Schule kame, da sie schon lange begonnen hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte er sich alle Zeit lassen zur Ruckkehr. Das tat er denn auch und kam gerade oben im Dorfli wieder an, als das Heidi aus der Schule zuruckgekehrt war und sich mit dem Grosvater an den Mittagstisch setzte. Der Peter trat herein, und da er diesmal einen besonderen Gedanken mitzuteilen hatte, so lag ihm dieser obenauf, und er muste ihn gleich beim Eintreten loswerden.

    “Es hat ihn", sagte der Peter, mitten in der Stube stillstehend.

    “Wen? Wen? General! Das tont ziemlich kriegerisch", sagte der Ohi.

    “Den Schnee", berichtete Peter.

    “Oh! Oh! jetzt kann ich zur Grosmutter hinauf!” frohlockte das Heidi, das die Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte. “Aber warum bist du denn nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut herunterschlittern", setzte es auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn dem Heidi kam es vor, das sei nicht in der Ordnung, so drausen zu bleiben, wenn man doch gut in die Schule gehen konnte.

    “Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spat", gab der Peter zuruck.

    “Das nennt man desertieren", sagte der Ohi, “und Leute, die das tun, nimmt man bei den Ohren, horst du?”

    Der Peter ris erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem Menschen auf der Welt hatte er einen so grosen Respekt wie vor dem Almohi.

    “Und dazu ein Anfuhrer, wie du einer bist, der mus sich doppelt schamen, so auszureisen", fuhr der Ohi fort. “Was meinst, wenn einmal deine Geisen eine da und die andere dort hinausliefen und sie wollten dir nicht mehr folgen und nicht tun, was gut ist fur sie, was wurdest du dann machen?”

    “Sie hauen", entgegnete der Peter kundig.

    “Und wenn einmal ein Bub so tate wie eine ungebardige Geis und er wurde ein wenig durchgehauen, was wurdest du dann sagen?”

    “Geschieht ihm recht", war die Antwort.

    “So, jetzt weist was, Geisenoberst: Wenn du noch einmal auf deinem Schlitten uber die Schule hinausfahrst zu einer Zeit, da du hinein solltest, so komm dann nachher zu mir und hol dir, was dir dafur gehort.”

    Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und das er mit dem Buben gemeint sei, der fortlaufe wie eine ungebardige Geis. Er war ganz getroffen von dieser Ahnlichkeit und schaute ein wenig banglich in die Winkel hinein, ob so etwas zu entdecken sei, wie er es in solchen Fallen fur die Geisen gebrauchte.

    Aber ermunternd sagte nun der Ohi: “Komm an den Tisch jetzt und halt mit, dann geht das Heidi mit dir. Am Abend bringst du's wieder heim, dann findest du dein Nachtessen hier.”

    Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter hochst erfreulich. Sein Gesicht verzog sich nach allen Seiten vor Vergnugen. Er gehorchte unverzuglich und setzte sich neben das Heidi hin. Das Kind aber hatte schon genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude, das es zur Grosmutter gehen sollte. Es schob die grose Kartoffel und den Kasebraten, die noch auf seinem Teller lagen, dem Peter zu, der von der anderen Seite vom Ohi den Teller voll bekommen hatte, so das ein ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand, aber der Mut zum Angriff fehlte ihm nicht. Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein Mantelchen von der Klara hervor. Jetzt konnte es, ganz warm eingepackt, mit der Kapuze uber dem Kopf, seine Reise machen. Es stellte sich nun neben den Peter hin, und sobald dieser sein letztes Stuck eingeschoben hatte, sagte es: “Jetzt komm!” Dann machten sie sich auf den Weg. Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu erzahlen vom Schwanli und Barli, das sie beide am ersten Tage in dem neuen Stall gar nicht hatten fressen wollen und das sie die Kopfe hatten hangen lassen den ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und es habe den Grosvater gefragt, warum sie so tun. Dann habe er gesagt: Sie tun so wie es in Frankfurt, denn sie seien noch nie von der Alm heruntergekommen ihr Leben lang. Und das Heidi setzte hinzu: “Du solltest nur einmal erfahren, wie das ist, Peter.”

    Die beiden waren so fast oben angekommen, ohne das der Peter ein einziges Wort gesagt hatte, und es war auch, als ob ihn ein tiefer Gedanke beschaftigte, das er nicht einmal recht zuhoren konnte wie sonst. Als sie nun bei der Hutte angekommen waren, stand der Peter still und sagte ein wenig storrisch: “Dann will ich noch lieber in die Schule gehen, als beim Ohi holen, was er gesagt hat.”

    Das Heidi war derselben Meinung und bestarkte den Peter ganz eifrig in seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube sas die Mutter allein beim Flickwerk. Sie sagte, die Grosmutter musse die Tage im Bett bleiben, es sei zu kalt fur sie, und dann sei ihr auch sonst nicht recht. Das war dem Heidi etwas Neues; sonst sas die Grosmutter immer an ihrem Platz in der Ecke. Es rannte gleich zu ihr in die Kammer hinein. Sie lag ganz von dem grauen Tuche umwickelt in ihrem schmalen Bett mit der dunnen Decke.

    “Gott Lob und Dank!” sagte die Grosmutter gleich, als sie das Heidi hereinspringen horte. Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine geheime Angst im Herzen gehabt, die sie noch immer verfolgte, besonders wenn das Heidi eine Zeitlang nicht kam. Der Peter hatte berichtet, wie ein fremder Herr aus Frankfurt gekommen sei und immer mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden wolle, und die Grosmutter meinte nicht anders, als der Herr sei gekommen, das Heidi wieder mit fortzunehmen. Wenn er auch nachher schon allein abreiste, so stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf, es konnte irgendein Abgesandter von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zuruckholen. Das Heidi sprang zu dem Bett der Kranken hin und fragte sorglich: “Bist du stark krank, Grosmutter?”

    “Nein, nein, Kind", beruhigte die Alte, indem sie das Heidi liebevoll streichelte, “der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder gefahren.”

    “Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist?” fragte eindringlich das Heidi weiter.

    “Ja, ja, will's Gott, noch vorher, das ich wieder an mein Spinnrad kann. Ich meinte schon heute, ich wolle es probieren, morgen wird's dann schon wieder gehen", sagte die Grosmutter in zuversichtlicher Weise, denn sie hatte schon gemerkt, das das Kind erschrocken war.

    Ihre Worte beruhigten das Heidi, dem es sehr angst gewesen war, denn krank im Bett hatte es die Grosmutter noch nie getroffen. Es betrachtete sie jetzt ein wenig verwundert, dann sagte es:

    “In Frankfurt legen sie einen Schal an zum Spazierengehen. Hast du etwa gemeint, man musse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht, Grosmutter?”

    “Weist du, Heidi", entgegnete sie, “ich nehme den Schal so um im Bett, das ich nicht friere. Ich bin so froh daruber, die Decke ist ein wenig dunn.”

    “Aber Grosmutter", fing das Heidi wieder an, “bei deinem Kopf geht es bergab, wo es ganz bergauf gehen sollte; so mus ein Bett nicht sein.”

    “Ich weis schon, Kind, ich spure es auch wohl", und die Grosmutter suchte auf dem Kissen, das wie ein dunnes Brett unter ihrem Kopfe lag, einen besseren Platz zu gewinnen. “Siehst du, das Kissen war nie besonders dick, und jetzt habe ich so viele Jahre darauf geschlafen, das ich es ein wenig flachgelegen habe.”

    “O hatt ich nur in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett mitnehmen konne", sagte jetzt das Heidi. “Da hatte es drei grose, dicke Kissen aufeinander, das ich gar nicht schlafen konnte und immer weiter herunterrutschte, bis wo es flach war, und dann muste ich wieder hinauf, weil man dort so schlafen mus. Konntest du so schlafen, Grosmutter?”

    “Ja freilich, das macht warm, und man bekommt den Atem so gut, wenn man so hoch liegen kann mit dem Kopf", sagte die Grosmutter, ein wenig muhsam ihren Kopf aufrichtend, so wie um eine hohere Stelle zu finden. “Aber wir wollen jetzt nicht von dem reden, ich habe ja dem lieben Gott fur so vieles zu danken, was andere Alte und Kranke nicht haben. Schon das gute Brotchen, das ich immer bekomme, und das schone, warme Tuch hier und das du so zu mir kommst, Heidi. Willst du mir auch wieder etwas lesen heute?”

    Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte es ein schones Lied nach dem andern, denn es kannte sie jetzt wohl, und es freute sich selbst, das alles wieder zu horen, es hatte ja seit vielen Tagen die Verse alle, die ihm lieb waren, nicht mehr gehort.

    Die Grosmutter lag mit gefalteten Handen da, und auf ihrem Gesichte, das erst so bekummert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges Lacheln, als ware ihr eben ein groses Gluck zuteil geworden.

    Das Heidi hielt auf einmal inne.

    “Grosmutter, bist du schon gesund geworden?” fragte es.

    “Es ist mir wohl, Heidi, es ist mir wohl geworden daruber. Lies es noch fertig, willst du?”

    Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:

        “Wird mein Auge dunkler, truber,
        Dann erleuchte meinen Geist,
        Das ich frohlich zieh' hinuber,
        Wie man nach der Heimat reist",

    da wiederholte sie die Grosmutter und dann noch einmal und noch einmal, und auf ihrem Gesicht lag jetzt eine grose freudige Erwartung. Dem Heidi wurde so wohl dabei. Der ganze sonnige Tag seiner Heimkehr stieg vor ihm auf, und voller Freude rief es aus: “Grosmutter, ich weis schon, wie es ist, wenn man nach der Heimat reist.” Sie antwortete nichts, aber sie hatte die Worte wohl vernommen, und der Ausdruck, der dem Heidi so wohl getan hatte, blieb auf ihrem Gesicht.

    Nach einer Weile sagte das Kind wieder: “Jetzt wird's dunkel, Grosmutter, ich mus heim; aber ich bin so froh, das es dir jetzt wieder wohl ist.”

    Die Grosmutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie fest; dann sagte sie:

    “Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben mus, so ist es mir doch wohl. Siehst du, das weis niemand, der es nicht erfahren hat, wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz allein daliegt und hort kein Wort von einem andern Menschen und kann nichts sehen, nicht einen einzigen Sonnenstrahl. Dann kommen so schwere Gedanken uber einen, das man manchmal meint, es konne nie mehr Tag werden und man konne nicht mehr weiter. Aber wenn man dann einmal wieder die Worte hort, die du mir vorgelesen hast, so ist es, wie wenn einem ein Licht davon aufgehen wurde im Herzen, an dem man sich wieder freuen kann.”

    Jetzt lies die Grosmutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr gute Nacht gesagt, lief es in die Stube zuruck und zog den Peter eilig hinaus, denn es war unterdessen Nacht geworden. Aber drausen stand der Mond am Himmel und schien hell auf den weisen Schnee, das es war, als wolle der Tag schon wieder angehen. Der Peter zog seinen Schlitten zurecht, setzte sich vorn darauf, das Heidi hinter ihn, und fort schossen sie die Alm hinunter, nicht anders, als waren sie zwei Vogel, die durch die Lufte sausen.

    Als spater das Heidi auf seinem schonen, hohen Heubette hinter dem Ofen lag, da kam ihm die Grosmutter wieder in den Sinn, wie sie so schlecht lag mit dem Kopfe, und dann muste es an alles denken, was sie gesagt hatte, und an das Licht, das ihr die Worte im Herzen anzunden. Und es dachte: Wenn die Grosmutter nur alle Tage die Worte horen konnte, dann wurde es ihr jeden Tag einmal wohl. Aber es wuste, nun konnte eine ganze Woche, oder vielleicht auch zwei, vergehen, ehe es wieder zu ihr hinauf durfte. Das kam dem Heidi so traurig vor, das es immer starker nachsinnen muste, was es nur machen konnte, das die Grosmutter die Worte jeden Tag zu horen bekame. Auf einmal fiel ihm die Hilfe ein, und es war so froh daruber, das es meinte, es konne gar nicht erwarten, das der Morgen wiederkomme und es seinen Plan ausfuhren konne. Auf einmal setzte das Heidi sich wieder ganz gerade auf in seinem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte es ja sein Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte es doch nie mehr vergessen.

    Als es nun so recht von Herzen fur sich und den Grosvater und die Grosmutter gebetet hatte, fiel es auf einmal in sein weiches Heu zuruck und schlief ganz fest und friedlich bis zum hellen Morgen.

    Der Winter dauert fort

    Am andern Tage kam der Peter gerade zur rechten Zeit in die Schule heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack mitgebracht, denn da ging es so zu: Wenn um Mittag die Kinder im Dorfli nach Hause gingen, dann setzten sich die einzelnen Schuler, die weit weg wohnten, auf die Klassentische, stemmten die Fuse fest auf die Banke und breiteten auf den Knien die mitgebrachten Speisen aus, um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um ein Uhr konnten sie sich daran vergnugen, dann fing die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schlus zum Ohi hinuber und machte seinen Besuch beim Heidi.

    Als er heute nach Schulschlus in die grose Stube beim Ohi eintrat, schos das Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es gewartet. “Peter, ich weis etwas", rief es ihm entgegen.

    “Sag's", gab er zuruck.

    “Jetzt must du lesen lernen", lautete die Nachricht.

    “Hab's schon getan", war die Antwort.

    “Ja, ja, Peter, so mein ich nicht", eiferte jetzt das Heidi. “Ich meine so, das du es nachher kannst.

    “Kann nicht", bemerkte der Peter.

    “Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht", sagte das Heidi sehr entschieden. “Die Grosmama in Frankfurt hat schon gewust, das es nicht wahr ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht glauben.”

    Der Peter staunte uber diese Nachricht.

    “Ich will dich schon lesen lehren, ich weis ganz gut, wie", fuhr das Heidi fort. “Du must es jetzt einmal erlernen, und dann must du alle Tage der Grosmutter ein Lied lesen oder zwei.”

    “Das ist nichts", brummte der Peter.

    Dieser hartnackige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war und dem Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit blitzenden Augen stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte bedrohlich:

    “Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen willst: Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du mussest auch nach Frankfurt, das du allerhand lernest, und ich weis schon, wo dort die Buben in die Schule gehen. Beim Ausfahren hat mir die Klara das furchtbar grose Haus gezeigt. Aber dort gehen sie nicht nur, wenn sie Buben sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz grose Herren sind, das habe ich selber gesehen. Und dann must du nicht meinen, das nur ein einziger Lehrer da ist wie bei uns, und ein so guter. Da gehen immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein, und alle sehen ganz schwarz aus, wie wenn sie in die Kirche gingen, und haben so hohe schwarze Hute auf den Kopfen”—und das Heidi gab das Mas von den Huten an vom Boden auf.

    Dem Peter fuhr ein Schauder den Rucken hinauf.

    “Und dann must du dort hinein unter alle die Herren", fuhr das Heidi mit Eifer fort, “und wenn es dann an dich kommt, so kannst du gar nicht lesen und machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst du nur sehen, wie dich die Herren ausspotten, das ist dann noch viel arger als die Tinette, und du solltest nur wissen, wie es ist, wenn diese spottet.”

    “So will ich", sagte der Peter halb klaglich, halb argerlich.

    Im Augenblick war das Heidi besanftigt. “So, das ist recht, dann wollen wir gleich anfangen", sagte es erfreut, und geschaftig zog es den Peter an den Tisch hin und holte das notige Werkzeug herbei.

    In dem grosen Paket der Klara hatte sich auch ein Buchlein befunden, das dem Heidi wohlgefiel, und schon gestern nacht war es ihm in den Sinn gekommen, das konne es gut zu dem Unterricht fur den Peter gebrauchen, denn das war ein Abc-Buchlein mit Spruchen.

    Jetzt sasen die beiden am Tisch, die Kopfe uber das kleine Buch gebeugt, und die Lehrstunde konnte beginnen.

    Der Peter muste den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und dann noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache sauber und gelaufig haben.

    Endlich sagte es: “Du kannst's immer noch nicht, aber ich will dir ihn jetzt einmal hintereinander lesen; wenn du weist, wie's heisen mus, kannst du's dann besser zusammenbuchstabieren.” Und das Heidi las:

        “Geht heut das A B C noch nicht,
        Kommst morgen du vors Schulgericht.”

    “Ich geh nicht", sagte der Peter storrisch.

    “Wohin?” fragte das Heidi.

    “Vor das Gericht", war die Antwort.

    “So mach, das du einmal die drei Buchstaben kennst, dann must du ja nicht gehen", bewies ihm das Heidi.

    Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die drei Buchstaben so lange fort, bis das Heidi sagte:

    “Jetzt kannst du die drei.”

    Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den Peter ausgeubt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten fur die folgenden Lehrstunden.

    “Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Spruche lesen", fuhr es fort, “dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann.”

    Und es begann sehr klar und verstandlich zu lesen:

        “D E F G mus fliesend sein,
        Sonst kommt ein Ungluck hintendrein.

        Vergessen H I K,
        Das Ungluck ist schon da.

        Wer am L M noch stottern kann,
        Zahlt eine Bus und schamt sich dann.

        Es gibt etwas, und wustest's du,
        Du lerntest schnell N O P Q.

        Stehst du noch an bei R S T,
        Kommt etwas nach, das tut dir weh.”

    Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war so mauschenstill, das es einmal sehen muste, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen Schrecknisse hatten ihm so zugesetzt, das er kein Glied mehr bewegte und schreckensvoll das Heidi anstarrte.

    Das ruhrte sogleich sein mitleidiges Herz, und trostend sagte es: “Du must dich nicht furchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir, und wenn du dann lernst wie heut, so kennst du allemal zuletzt die Buchstaben, und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun must du alle Tage kommen, nicht so, wie du in die Schule gehst; wenn es schon schneit, es tut dir ja nichts.”

    Der Peter versprach, so zu tun, denn der erschreckende Eindruck hatte ihn ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er seinen Heimweg an.

    Der Peter befolgte Heidis Vorschrift punktlich, und jeden Abend wurden mit Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch beherzigt.

    Oft sas auch der Grosvater in der Stube und horte dem Exerzitium zu, indem er vergnuglich sein Pfeifchen rauchte, wahrend es ofter in seinen Mundwinkeln zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine grose Heiterkeit ubernehmen wollte.

    Nach der grosen Anstrengung wurde der Peter dann meistens aufgefordert, noch dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was ihn alsbald fur die ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit sich gebracht hatte, reichlich entschadigte.

    So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erschien regelmasig und machte wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.

    Mit den Spruchen hatte er aber taglich zu fechten. Man war jetzt beim U angelangt. Als das Heidi den Spruch las:

        “Wer noch das U in V verdreht,
        Kommt dahin, wo er nicht gern geht",

    da knurrte der Peter: “Ja, wenn ich ginge!” Aber er lernte doch tuchtig zu, so, als stehe er unter dem Eindruck, es konnte ihn doch heimlich einer beim Kragen nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht gern ginge.

    Am folgenden Abend las das Heidi:

        “Ist dir das W noch nicht bekannt,
        Schau nach dem Rutlein an der Wand.”

    Da guckte der Peter hin und sagte hohnisch: “Hat keins.”

    “Ja, ja, aber weist du, was der Grosvater im Kasten hat?” fragte das Heidi. “Einen Stecken, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn herausnimmt, so kann man nur sagen: >Schau nach dem Stecken an der Wand! Der Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich uber sein W und suchte es zu erfassen.

    Am anderen Tage hies es:

        “Willst du noch das X vergessen,
        Kriegst du heute nix zu essen.”

    Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinuber, wo das Brot und der Kase darinlagen, und sagte argerlich: “Ich habe ja gar nicht gesagt, das ich das X vergessen wolle.”

    “Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann konnen wir auch gleich noch einen lernen", schlug das Heidi vor, “dann hast du morgen nur noch einen einzigen Buchstaben.”

    Der Peter war nicht einverstanden. Aber schon las das Heidi:

        “Machst du noch Halt beim Y,
        Kommst du mit Hohn und Spott davon.”

    Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit den hohen schwarzen Huten auf den Kopfen und Hohn und Spott in den Gesichtern. Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und lies es nicht wieder los, bis er es so gut kannte, das er die Augen zutun konnte und doch noch wuste, wie es aussah.

    Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an, denn da war ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm das Heidi gleich den Spruch las:

        “Wer zogernd noch beim Z bleibt stehn,
        Mus zu den Hottentotten gehn!”,

    da hohnte der Peter: “Ja, wenn kein Mensch weis, wo die sind!”

    “Freilich, Peter, das weis der Grosvater schon", versicherte das Heidi. “Wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist nur beim Herrn Pfarrer druben.” Und schon war das Heidi aufgesprungen und wollte zur Tur hinaus.

    “Wart", schrie jetzt der Peter in voller Angst, denn schon sah er in seiner Einbildung den Almohi mitsamt dem Herrn Pfarrer daherkommen und wie ihn die zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten ubersenden wurden, denn er hatte ja wirklich nicht mehr gewust, wie das Z hies. Sein Angstgeschrei lies das Heidi stillstehen.

    “Was hast du denn?” fragte es verwundert.

    “Nichts! Komm zuruck! Ich will lernen", sties der Peter mit Unterbrechungen hervor. Aber das Heidi hatte jetzt selbst gern gewust, wo die Hottentotten seien, und es wollte durchaus den Grosvater fragen. Der Peter schrie ihm aber so verzweifelt nach, das es nachgab und zuruckkam. Nun muste er aber auch etwas tun dafur. Nicht nur wurde das Z so manchmal wiederholt, das der Buchstabe fur alle Zeit in seinem Gedachtnis festsitzen muste, sondern das Heidi ging gleich noch zum Syllabieren uber, und an dem Abend lernte der Peter so viel, das er um einen ganzen Ruck vorwarts kam. So ging es weiter Tag fur Tag.

    Der Schnee war wieder weich geworden, und daruberhin schneite es neuerdings einen Tag um den andern, so das das Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur Grosmutter hinauf konnte. Um so eifriger war es in seiner Arbeit an dem Peter, das er es ersetzen konne beim Liederlesen. So kam eines Abends der Peter heim vom Heidi, trat in die Stube ein und sagte:

    “Ich kann's!”

    “Was kannst du, Peterli?” fragte erwartungsvoll die Mutter.

    “Das Lesen", antwortete er.

    “Ist auch das moglich! Hast du's gehort, Grosmutter?” rief die Brigitte aus.

    Die Grosmutter hatte es gehort und muste sich auch sehr verwundern, wie das zugegangen sei.

    “Ich mus jetzt ein Lied lesen, das Heidi hat's gesagt", berichtete der Peter weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter, und die Grosmutter freute sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehort. Der Peter setzte sich an den Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter sas aufhorchend neben ihm; nach jedem Verse muste sie mit Bewunderung sagen: “Wer hatte es auch denken konnen!”

    Auch die Grosmutter folgte mit Spannung einem Verse nach dem andern, sie sagte aber nichts dazu.

    Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich, das in der Schule in Peters Klasse eine Leseubung stattfand. Als die Reihe an den Peter kommen sollte, sagte der Lehrer:

    “Peter, mus man dich wieder ubergehen, wie immer, oder willst du einmal wieder—ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen, an einer Linie herumzustottern?”

    Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzusetzen.

    Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf den Peter, so, als habe er desgleichen noch nie gesehen. Endlich sprach er: “Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! Solange ich mit unbeschreiblicher Geduld an dir gearbeitet habe, warst du nicht imstande, auch nur das Buchstabieren richtig zu erfassen. Nun ich, obwohl ungern, die Arbeit an dir als nutzlos aufgegeben habe, geschieht es, das du erscheinst und hast nicht nur das Buchstabieren, sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher konnen zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?”

    “Vom Heidi", antwortete dieser.

    Hochst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz harmlos auf seiner Bank sas, so das nichts Besonderes an ihm zu sehen war. Er fuhr fort:

    “Ich habe uberhaupt eine Veranderung an dir bemerkt, Peter. Wahrend du fruher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben. Woher kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich gekommen sein?”

    “Vom Ohi", war die Antwort.

    Mit immer groserem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das Heidi und von diesem wieder auf den Peter zuruck.

    “Wir wollen es noch einmal versuchen", sagte er dann behutsam, und noch einmal muste der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben. Es war richtig, er hatte lesen gelernt.

    Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinuber, um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weise der Ohi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.

    Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor. So weit gehorchte er dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die Grosmutter forderte ihn aber auch nie dazu auf.

    Die Mutter Brigitte muste sich noch taglich verwundern, das der Peter dieses Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung vorbei war und der Vorleser in seinem Bett lag, muste sie wieder zur Grosmutter sagen:

    “Man kann sich doch nicht genug freuen, das der Peterli das Lesen so schon erlernt hat. Jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm werden kann.”

    Da antwortete einmal die Grosmutter:

    “Ja, es ist so gut fur ihn, das er etwas gelernt hat; aber ich will doch herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Fruhling schickt, das das Heidi auch wieder heraufkommen kann. Es ist doch, wie wenn es ganz andere Lieder lase. Es fehlt so manchmal etwas in den Versen, wenn sie der Peter liest, und ich mus es dann suchen, und dann komme ich nicht mehr nach mit den Gedanken, und der Eindruck kommt mir nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte liest.”

    Das kam aber daher, weil der Peter sich beim Lesen ein wenig einrichtete, das er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das gar zu lang war oder sonst schlimm aussah, so lies er es lieber ganz aus, denn er dachte, um drei oder vier Worte in einem Verse werde es der Grosmutter wohl gleich sein, es kommen ja dann noch viele. So kam es, das es fast keine Hauptworter mehr hatte in den Liedern, die der Peter vorlas.

    Die fernen Freunde regen sich

    Der Mai war gekommen. Von allen Hohen stromten die vollen Fruhlingsbache ins Tal herab. Ein warmer, lichter Sonnenschein lag auf der Alp. Sie war wieder grun geworden; der letzte Schnee war weggeschmolzen, und von den lockenden Sonnenstrahlen geweckt, guckten schon die ersten Blumchen mit ihren hellen Augen aus dem frischen Grase heraus. Droben rauschte der frohliche Fruhlingswind durch die Tannen und schuttelte ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, das die jungen, hellgrunen herauskommen und die Baume herrlich schmucken konnten. Hoch oben schwang wieder der alte Raubvogel seine Flugel in den blauen Luften, und rings um die Almhutte lag der goldene Sonnenschein warm am Boden und trocknete die letzten feuchten Stellen auf, das man wieder hinsetzen konnte, wo man nur wollte.

    Das Heidi war wieder auf der Alp. Es sprang dahin und dorthin und wuste gar nicht, wo es am schonsten war. Jetzt muste es dem Winde lauschen, wie er tief und geheimnisvoll oben von den Felsen heruntersauste, immer naher und immer machtiger, und jetzt schos er in die Tannen und ruttelte und schuttelte sie, und es war, als jauchze er vor Vergnugen, und das Heidi muste auch aufjauchzen und wurde dabei hin und her geblasen wie ein Blattlein. Dann lief es wieder auf das sonnige Platzchen vor der Hutte und setzte sich auf den Boden und guckte in das kurze Gras hinein, zu entdecken, wie viele kleine Blumenkelche sich offnen wollten oder schon offen waren. Da hupften und krochen und tanzten auch so viele lustige Mucken und Kaferchen in der Sonne herum und freuten sich, und das Heidi freute sich mit ihnen und sog den Fruhlingsduft, der aus dem frisch erschlossenen Boden emporstieg, in langen Zugen ein und meinte, so schon sei es noch nie auf der Alp gewesen. Den tausend kleinen Tierlein muste es so wohl sein wie ihm, denn es war gerade, als summten und sangen sie in heller Freude alle durcheinander:

    “Auf der Alp! Auf der Alp! Auf der Alp!”

    Vom Schopf hinter der Hutte hervor ertonte es hie und da wie ein eifriges Klopfen und Sagen, und das Heidi lauschte auch einmal dorthin, denn das waren die alten, heimatlichen Tone, die es so gut kannte, die von Anfang an zum Leben auf der Alp gehort hatten. Jetzt muste es aufspringen und auch einmal dorthin rennen, denn es muste doch wissen, was beim Grosvater vorging. Vor der Schopftur stand schon fix und fertig ein schoner neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete der Grosvater mit geschickter Hand.

    “Oh, ich weis schon, was das gibt", rief das Heidi in Freuden aus. “Das ist notig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist fur die Grosmama und der, den du jetzt machst, fur die Klara, und dann... dann mus noch einer sein", fuhr das Heidi zogernd fort, “oder glaubst du nicht, Grosvater, das Fraulein Rottenmeier auch mitkommt?”

    “Das kann ich nun nicht sagen", meinte der Grosvater, “aber es ist sicherer, einen Stuhl bereit zu haben, das wir sie zum Sitzen einladen konnen, wenn sie kommt.”

    Das Heidi schaute nachdenklich auf die holzernen Stuhlchen ohne Lehne hin und machte still seine Betrachtungen daruber, wie Fraulein Rottenmeier und ein solches Stuhlchen zusammenpassen wurden. Nach einer Weile sagte es, bedenklich den Kopf schuttelnd:

    “Grosvater, ich glaube nicht, das sie darauf sitzt.”

    “Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schonen grunen Rasenuberzug ein", entgegnete ruhig der Grosvater.

    Als das Heidi noch nachsann, wo das schone Kanapee mit dem grunen Rasenuberzug sei, erscholl plotzlich von oben her ein Pfeifen und Rufen und Rutenschwingen durch die Luft, das das Heidi sofort wuste, woran es war. Es schos hinaus und war augenblicklich von den herabspringenden Geisen umringt. Denen muste es wohl sein, wie es dem Heidi war, wieder auf der Alp zu sein, denn sie machten so hohe Sprunge und meckerten so lebenslustig wie noch nie, und das Heidi wurde dahin und dorthin gedrangt, denn jede wollte ihm zunachst kommen und ihre Freude bei ihm auslassen. Aber der Peter sties sie alle weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte dem Heidi eine Botschaft zu uberbringen. Als er zu ihm vorgedrungen war, hielt er ihm einen Brief entgegen.

    “Da!” sagte er, die weitere Erklarung der Sache dem Heidi selbst uberlassend. Es war sehr erstaunt.

    “Hast du denn auf der Weide einen Brief fur mich bekommen?” fragte es voller Verwunderung.

    “Nein", war die Antwort.

    “Ja, wo hast du ihn denn genommen, Peter?”

    “Aus dem Brotsack.”

    Das war richtig. Gestern abend hatte der Postbeamte im Dorfli ihm den Brief an das Heidi mitgegeben. Den hatte der Peter in den leeren Sack gelegt. Am Morgen hatte er seinen Kase und sein Stuck Brot darauf gepackt und war ausgezogen. Den Ohi und das Heidi hatte er wohl gesehen, als er ihre Geisen abholte, aber erst als er um Mittag mit Brot und Kase zu Ende war und noch die Krumen herausholen wollte, war der Brief wieder in seine Hand gekommen.

    Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab, dann sprang es zum Grosvater in den Schopf zuruck und streckte ihm in hoher Freude den Brief entgegen: “Von Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich horen, Grosvater?”

    Das wollte dieser schon gern, und auch der Peter, der dem Heidi gefolgt war, schickte sich zum Zuhoren an. Er stemmte sich mit dem Rucken gegen den Turpfosten an, um einen festen Halt zu haben, denn so war es leichter, dem Heidi nachzukommen, wie es nun seinen Brief herunterlas:

    Liebes Heidi!

    Wir haben schon alles verpackt, und in zwei oder drei Tagen wollen wir abreisen, sobald Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er mus zuerst noch nach Paris reisen. Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft schon unter der Tur: “Fort! Fort! Auf die Alp!” Er kann es gar nicht erwarten, das wir gehen. Du solltest nur wissen, wie gern er selbst auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast jeden Tag zu uns gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er musse mir wieder erzahlen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzahlte von allen Tagen, die er mit Dir und dem Grosvater auf der Alp zugebracht hat, und von den Bergen und den Blumen und von der Stille so hoch oben uber allen Dorfern und Strasen und von der frischen, herrlichen Luft; und er sagte oft: “Dort oben mussen alle Menschen wieder gesund werden.” Er ist auch selbst wieder so anders geworden, als er eine Zeitlang war, ganz jung und frohlich sieht er wieder aus. Oh, wie freu ich mich, das alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein und auch den Peter und die Geisen kennenzulernen! Erst mus ich in Ragaz etwa sechs Wochen lang eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann sollen wir im Dorfli wohnen nachher, und ich soll dann an schonen Tagen auf die Alp hinaufgefahren werden in meinem Stuhl und den Tag uber bei Dir bleiben. Die Grosmama kommt mit und bleibt bei mir; sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen. Aber denk, Fraulein Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Grosmama einmal: “Wie ist's mit der Schweizerreise, werte Rottenmeier? Genieren Sie sich nicht, wenn Sie Lust haben mitzukommen.” Aber sie dankt immer furchtbar hoflich und sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein. Aber ich weis schon, woran sie denkt: Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht, als er von Deinem Begleit nach Hause kam, wie furchtbare Felsen dort herunterstarren und man uberall in Klufte und Abgrunde niedersturzen konne und das es so steil hinaufgehe, das man auf jedem Tritt befurchten musse, wieder rucklings herunterzukommen, und das wohl Ziegen, aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da hinaufklettern konnen. Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung, und seither schwarmt sie nicht mehr fur Schweizerreisen wie fruher. Der Schrecken ist auch in die Tinette gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein, Grosmama und ich; nur Sebastian mus uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er wieder heimkehren.

    Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.

    Lebe wohl, liebes Heidi, die Grosmama last Dich tausendmal grusen.

    Deine treue Freundin Klara.

    Als der Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem Turpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rucksichtslos und wutend drein, das die Geisen alle im hochsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg hinunterrannten in so maslosen Sprungen, wie sie noch selten gemacht hatten. Hinter ihnen her sturmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein, als habe er an einem unsichtbaren Feinde einen unerhorten Grimm auszulassen. Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gaste aus Frankfurt, welche den Peter so sehr erbittert hatte.

    Das Heidi war so voller Gluck und Freude, das es durchaus am andern Tage der Grosmutter einen Besuch machen und ihr alles erzahlen muste, wer nun von Frankfurt kommen und besonders auch, wer nicht kommen werde. Das muste fur die Grosmutter ja von der grosten Wichtigkeit sein, denn sie kannte die Personen alle so genau und lebte mit dem Heidi alles, was zu seinem Leben gehorte, immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch. Es zog auch beizeiten aus am folgenden Nachmittag, denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein unternehmen: Die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen, und uber den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen, wahrend der lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller hinunterjagte. Die Grosmutter lag nicht mehr zu Bett. Sie sas wieder in ihrer Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, als habe sie es mit schweren Gedanken zu tun. Das war so seit gestern abend, und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Der Peter war in seinem grosen Grimm heimgekommen, und sie hatte aus seinen abgebrochenen Ausrufungen entnehmen konnen, das eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der Almhutte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wuste er nicht, aber die Grosmutter muste weiterdenken, und das waren gerade die Gedanken, die sie angstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.

    Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Grosmutter zu, setzte sich auf sein Schemelchen, das immer dastand, und erzahlte ihr mit einem solchen Eifer alles, was es wuste, das es selbst noch immer mehr davon erfullt wurde. Aber auf einmal horte es mitten in seinem Satze auf und fragte besorgt:

    “Was hast du, Grosmutter, freut dich alles gar kein bischen?”

    “Doch, doch, Heidi, es freut mich schon fur dich, weil du eine so grose Freude daran haben kannst", antwortete sie und suchte ein wenig frohlich auszusehen.

    “Aber Grosmutter, ich kann ganz gut sehen, das es dir angst ist. Meinst du etwa, Fraulein Rottenmeier komme doch noch mit?” fragte das Heidi, selber etwas angstlich.

    “Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts!” beruhigte die Grosmutter. “Gib mir ein wenig deine Hand, Heidi, das ich recht spuren kann, das du noch da bist. Es wird ja doch zu deinem Besten sein, wenn ich es auch fast nicht uberleben kann.”

    “Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht uberleben kannst, Grosmutter", sagte das Heidi so bestimmt, das dieser mit einemmal eine neue Befurchtung aufstieg. Sie muste ja annehmen, das die Leute aus Frankfurt kamen, das Heidi wiederzuholen, denn da es nun wieder gesund war, konnte es ja nicht anders sein, als das sie es wiederhaben wollten. Das war die grose Angst der Grosmutter. Aber sie fuhlte jetzt, das sie es vor dem Heidi nicht merken lassen sollte. Es war ja so mitleidig mit ihr, und da konnte es sich vielleicht widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie suchte nach einer Hilfe, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.

    “Ich weis etwas, Heidi", sagte sie nun, “das macht mir wohl und bringt mir die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im Anfang heist: >Gott will's machen. Das Heidi wuste jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, das es auf der Stelle fand, was die Grosmutter begehrte, und es las mit hellem Ton:

        “Gott will's machen,
        Das die Sachen
        Gehen, wie es heilsam ist.
        Las die Wellen
        Immer schwellen,
        Denk, wie du so sicher bist!”

    “Ja, ja, das ist's grad, was ich horen muste", sagte die Grosmutter erleichtert, und der Ausdruck der Bekummernis verschwand aus ihrem Gesichte. Das Heidi schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:

    “Gelt, Grosmutter, >heilsam< heist, wenn alles heilt, das es einem wieder ganz wohl wird?”

    “Ja, ja, so wird's sein", nickte bejahend die Grosmutter, “und weil der liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's auch kommt. Lies es noch einmal, Heidi, das wir's so recht behalten konnen und nicht wieder vergessen.”

    Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein paarmal, denn die Sicherheit gefiel ihm auch so gut.

    Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg hinaufwanderte, da kam uber ihm ein Sternlein nach dem andern heraus und funkelte und leuchtete zu ihm herunter, und es war gerade, als wollte jedes wieder neu ihm eine grose Freude ins Herz hineinstrahlen, und alle Augenblicke muste das Heidi wieder stille stehen und hinaufschauen, und wie sie alle ringsum am Himmel in immer hellerer Freude herunterblickten, da muste es ganz laut hinaufrufen: “Ja, ich weis schon, weil der liebe Gott alles so gut weis, wie es heilsam ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein!” Und die Sternlein alle schimmerten und glanzten und winkten dem Heidi zu mit ihren Augen fort und fort, bis es oben bei der Hutte angekommen war, wo der Grosvater stand und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so schon hatten sie lange nicht mehr heruntergestrahlt.

    Nicht nur die Nachte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar wie seit vielen Jahren nicht mehr, und ofters schaute der Grosvater am Morgen mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel wieder aufstieg, wie sie niedergegangen war, und er muste wiederholt sagen: “Das ist ein apartes Sonnenjahr; das gibt besondere Kraft in die Krauter. Pas auf, Anfuhrer, das deine Springer nicht zu ubermutig werden vom guten Futter!”

    Dann schwang der Peter ganz kuhn seine Rute in der Luft, und auf seinem Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: “Mit denen will ich's schon aufnehmen.”

    So verflos der grunende Mai, und es kam der Juni mit seiner noch warmeren Sonne und den langen, langen lichten Tagen, die alle Blumlein auf der ganzen Alp herauslockten, das sie glanzten und gluhten ringsum und die ganze Luft weit umher mit ihrem susen Duft erfullten. Schon ging auch dieser Monat seinem Ende entgegen, als das Heidi eines Morgens aus der Hutte herausgesprungen kam, wo es seine Morgengeschafte schon vollendet hatte. Es wollte schnell einmal unter die Tannen hinaus und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob der ganze grose Busch von dem Tausendguldenkraut offenstehe, denn die Blumchen waren so entzuckend schon in der durchscheinenden Sonne. Aber als das Heidi um die Hutte herumrennen wollte, schrie es auf einmal aus allen Kraften so gewaltig auf, das der Ohi aus dem Schopf heraustrat, denn das war etwas Ungewohnliches.

    “Grosvater! Grosvater!” rief das Kind wie auser sich. “Komm hierher! Komm hierher! Sieh! Sieh!”

    Der Grosvater erschien auf den Ruf, und sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des aufgeregten Kindes.

    Die Alm herauf schlangelte sich ein seltsamer Zug, wie noch nie einer hier gesehen worden war. Zuerst kamen zwei Manner mit einem offenen Tragsessel, darauf sas ein junges Madchen, in viele Tucher eingehullt. Dann kam ein Pferd, darauf sas eine stattliche Dame, die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und sich eifrig mit dem jungen Fuhrer unterhielt, der ihr zur Seite ging. Dann kam ein leerer Rollstuhl, von einem andern jungen Burschen gestosen, denn die Kranke, die hineingehorte, wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Trager, der hatte auf sein Reff so viele Decken, Tucher und Pelze ubereinandergehauft, das sie oben noch hoch uber seinen Kopf hinausragten.

    “Sie sind's! Sie sind's!” schrie das Heidi und hupfte hoch auf vor Freude. Sie waren es wirklich. Nun kamen sie naher und naher, und nun waren sie da. Die Trager setzten ihren Sessel auf die Erde, das Heidi sprang herzu, und die beiden Kinder begrusten sich mit ungeheurer Freude. Jetzt war auch die Grosmama oben und stieg von ihrem Pferde herunter. Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit groser Zartlichkeit begrust. Dann wandte sich die Grosmama zum Almohi um, der sich genaht hatte, um sie zu bewillkommnen. Da war gar keine Steifheit in der Begrusung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als hatten sie schon lange Zeit miteinander verkehrt.

    Gleich nach den ersten Worten der Begrusung sagte auch die Grosmama mit groser Lebhaftigkeit: “Mein lieber Ohi, was haben Sie fur einen Herrensitz! Wer hatte das gedacht! Mancher Konig konnte Sie darum beneiden! Wie sieht auch mein Heidi aus! Wie ein Monatsroschen!” fuhr sie fort, indem sie das Kind an sich zog und ihm die frischen Backen streichelte. “Was ist das fur eine Herrlichkeit um und um! Was sagst du, Klarchen, mein Kind, was sagst du!”

    Klara schaute in volligem Entzucken um sich. So etwas hatte sie ja in ihrem ganzen Leben nicht gekannt, nicht geahnt.

    “Oh, wie schon ist's da! Oh, wie schon ist's da!” rief sie einmal ums andere aus. “So hab ich mir's nicht gedacht. O Grosmama, hier mocht ich bleiben!”

    Der Ohi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigeruckt und einige der Tucher vom Reff heruntergenommen und hineingebettet. Jetzt trat er an den Tragsessel heran.

    “Wenn wir das Tochterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten, so ware es besser daran, der Reisesessel ist ein wenig hart", sagte er, wartete aber nicht darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern hob sofort die kranke Klara mit seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der grosten Sorgfalt auf den weichen Sitz hin. Dann legte er die Tucher uber die Knie zurecht und bettete ihr die Fuse so bequem auf die Polster, als hatte der Ohi sein Leben lang nichts getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die Grosmama hatte im hochsten Erstaunen zugeschaut.

    “Mein lieber Ohi", brach sie jetzt aus, “wenn ich wuste, wo Sie die Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Warterinnen, die ich kenne, dahin, das sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas moglich?”

    Der Ohi lachelte ein wenig. “Es kommt mehr vom Probieren als vom Studieren", entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lachelns ein Zug der Traurigkeit. Vor seinen Augen war aus langst vergangener Zeit das leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen, der so in einen Stuhl gebettet dasas und so verstummelt war, das er kaum ein Glied mehr gebrauchen konnte. Das war sein Hauptmann, den er in Sizilien nach dem heisen Gefechte so an der Erde gefunden und weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich litt und nicht mehr von sich gelassen hatte, bis seine schweren Leiden zu Ende waren. Der Ohi sah seinen Kranken wieder vor sich; es war ihm nicht anders, als ob es jetzt seine Sache sei, die kranke Klara zu pflegen und ihr alle die erleichternden Dienstleistungen zu erweisen, die er so wohl kannte.

    Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos uber der Hutte und uber den Tannen und weit uber die hohen Felsen weg, die grau schimmernd hineinragten. Klara konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war ganz voller Entzucken uber alles, was sie sah.

    “O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen konnte, hier rund um die Hutte und unter die Tannen!” rief sie sehnsuchtig aus. “Wenn ich doch alles mit dir ansehen konnte, was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe!”

    Jetzt machte das Heidi eine grose Anstrengung, und richtig, es gelang, der Stuhl rollte ganz schon uber den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen. Hier wurde haltgemacht. So etwas hatte ja Klara wieder in ihrem Leben nie gesehen, wie die hohen, alten Tannen waren, deren lange, breite Aste bis auf den Boden herabwuchsen und da immer groser und dicker wurden. Auch die Grosmama, die den Kindern gefolgt war, stand in hoher Bewunderung da. Sie wuste nicht, was das schonste an den uralten Baumen war, ob die vollen, rauschenden Wipfel hoch oben im Blau oder die geraden, festen Saulenstamme, die mit ihren gewaltigen Asten von so vielen, vielen Jahren erzahlten, die sie schon da oben gestanden und auf das Tal niedergeschaut hatten, wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder alles anders wurde, und sie waren immer dieselben geblieben.

    Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geisenstall hingeschoben und hatte da die kleine Tur weit aufgerissen, damit Klara auch alles recht sehen konne. Da war nun freilich fur diesmal nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner nicht daheim waren. Ganz bedauerlich rief Klara zuruck:

    “O Grosmama, wenn ich doch nur Schwanli und Barli noch erwarten konnte und alle die anderen Geisen und den Peter! Die kann ich ja alle gar nicht sehen, wenn wir dann immer so fruh fort mussen, wie du gesagt hast; das ist so schade!”

    “Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schonen, das da ist, und denken nicht daran, was noch fehlen konnte", berichtigte die Grosmama, dem Stuhle folgend, der nun wieder weitergeschoben wurde.

    “Oh, die Blumen!” schrie Klara wieder auf. “Ganze Busche so feine, rote Blumchen und alle die nickenden Blauglockchen! Oh, wenn ich doch heraus konnte und sie holen!”

    Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen grosen Straus zuruck.

    “Aber das ist noch gar nichts, Klara", sagte es, die Blumen auf ihren Schos legend. “Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann wirst du erst etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele Busche von dem roten Tausendguldenkraut und noch viel, viel mehr blaue Glockenblumchen als hier und so viele tausend von den hellen, gelben Weideroschen, das es ist wie lauter Gold, das am Boden glanzt. Und dann sind erst noch die mit den grosen Blattern, der Grosvater sagt, sie heisen Sonnenaugen, und dann sind noch die braunen, weist du, mit den runden Kopfchen, die riechen so gut, und da ist es so schon! Wenn man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schon ist es!”

    Heidis Augen funkelten vor Verlangen wiederzusehen, was es beschrieb, und Klara war wie angezundet davon, und aus ihren sanften blauen Augen leuchtete ein volliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf.

    “O Grosmama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch hinauf?” fragte sie sehnsuchtig. “Oh, wenn ich nur gehen konnte, Heidi, und so mit dir auf der Alp herumsteigen, uberallhin!”

    “Ich will dich schon stosen", beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum, das der Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen ware. Da stand aber der Grosvater in der Nahe und hielt ihn eben noch rechtzei